Donnerstag, 18. Juni 2020

Pabst - Deuce Ex Machina

Foto: Max Hartmann
 (ms) Vergleiche bei Rezensionen von Musik sind eine heikle Angelegenheit. Zum Einen legen sie dem Unbekannten schnell eine wahrscheinlich handhabbare Referenz nahe. Man kann schnell entscheiden, ob Neues gefallen kann oder eher nicht. 'Klingt wie Die Toten Hosen' würde ich halt nie anrühren. 'Klingt nach einem wilden Ritt auf den Synapsen' macht zumindest neugierig. Vergleiche machen es Schreiberin und Leser vielleicht leichter. Doch sie können auch verfänglich sein.
Beispiel: Das sehr temporeiche, kurzweilige, dynamische, sehr gute, mitunter psychedelische Album Deuce Ex Machina der Gruppe Pabst, das diesen Freitag (VÖ: 19. Juni) erscheint wurde bei meinem Plattenhändler des Vertrauens mit Queens Of The Stoneage verglichen.
Krux: Ich kenne nicht ein Lied der Königinnen. Das änderte ich dann und blieb etwas verwirrt zurück. Spielte nacheinander Stoneage und Pabst ab und fand einfach keine wirkliche Übereinstimmung außer einen Teil der benutzten Instrumente. Das kalifornische Quintett langweilt mich einfach nur auf anmaßende Weise. Träge schleppen sich die classic Rocksongs durch die Minuten. Ein Gefühl, das ich bei mir von den Foo Fighters kenne. Lähmend. Öde. Gähn.
Anders Pabst. Und die sind nur zu dritt! Erik an Gesang und Gitarre, Tilman mit dem Bass und Tore zerlegt das Schlagzeug in seine Einzelteile. Deuce Ex Machina ist nur etwas länger als eine halbe Stunde und knallt halt komplett! Da kommt (fast) keine Langeweile auf. Stattdessen türmt sich ein Klang herauf, der an die besten 00er Jahre erinnert. Von wegen Stoneage. Pabst klingen wie The Subways nur halt mit wesentlich mehr Dampf, weniger Drang gefallen zu müssen und schlichtweg mehr Energie!


Direkt mit den ersten Tönen der Platte wird klar, wer hier die Finger mit im Spiel hatte: Moses Schneider. Der geniale Produzent hat ja massive Referenzen (Turbostaat, Beatsteaks, Dendemann...). Das heißt: Wer bei Schneider aufnimmt, nimmt live auf! Ohne Kompromisse! Alle! Auf Ibuprofen ist es am Gesang zu hören; heißt aber nicht, dass das Können oder die Qualität leidet - im Gegenteil. Es hat genau den richtigen DIY-Charme, um nicht hipstermäßig-doof zu erscheinen. Der Gitarrenrock, wie man ihn bestenfalls aus Skandinavien oder aus GB der 00er Jahre kennt, macht sich auf Machina so herrlich deutlich: Ein Track voller Lässigkeit und schmachtendem Sexappeal. Es geht temporeich, schnörkellos, geradlinig und scheinbar simpel vor. Um das genauso klingen zu lassen, muss viel getüftelt worden sein!
Useless Scum ist nicht nur ein brutal geiler Name für ein Lied, sondern scheint inhaltlich eine Neuauflage von Eichendorffs Taugenichts heraufzubeschwören: All is good / so maybe I should / just carry on / I'm useless scum. Ein wenig Rockattitüde geht auch: herrlich satter Bass plus rhythmisches Händeklatschen im Hintergrund plus Gitarren-Schrammel-Solo auf Legal Tender. Hier bleiben keine Wünsche offen.
Und während solche Zeilen erklingen: The city has no skylines / the city is a small town / no place for losers like us (Skylines) kommt man zu dem simplen Schluss: Je lauter die Platte läuft, desto mehr Sinn ergibt sie. Ebenfalls einfallsreich: Ein Track heißt wish.com und ist... instrumental. Das ist natürlich schön witzig, dient der Platte auch als Interlude und kleine Pause zwischen den druckvollen Liedern.
Und dann kracht es nochmal so richtig. Figutive (Another Song About Running Away) ist mit seinen 3:07 Minuten das Highlight des Albums. Keine Pausen, keine Schwächen, nur Power, nur Bock, nur Aufdrehen! Das würde selbst auf einem Festival (s.u.) gegen Mittag um halb zwei jeden dazu anregen sich vollkommen zu verausgaben und den Rest des Tages auf dem Campingplatz zu verbringen.
Doch zum Ende kommen ein paar Zweifel auf. Denn etwas wirklich Neues kommt nicht mehr. Keine Ahnung, was ich zu Straight Line oder Up The Heat schreiben soll. Ja, Richtung Ende flacht die Platte deutlich ab. Aber keine Sorge, es macht ihr dennoch keinen Abbruch. Denn bis dahin war es ein wilder Ritt auf den Synapsen.


Die Band ist aktuell schwer getroffen. Corona und so. Klar, alle anderen auch, keine Frage. Die Szene hat zu ächtzen. Solo-Selbstständige und so. Bitter. Man kann nur hoffen, dass Hilfen schnell kommen. Es geht selbstredend um den Festivalsommer. Und Pabst wären in Spanien, Großbritannien oder Ungarn aufgetreten. Das schaffen halt nicht viele junge Bands aus unseren Gegenden. Und aus diesem Gitarrengenre. Get Well Soon - klar, die sind auch Avantgarde. Kraftwerk sind Legenden. Kalipo als elektronischer Künstler in ganz anderen Gefilden unterwegs. Aber eine Gitarrenrockband aus Deutschland?! Wünschen wir ihnen von Herzen, dass das kommendes Jahr klar geht.
Denn: Sie haben es mehr als verdient.

Deuce Ex Machina.
Pabst.
Jetzt!

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