Freitag, 30. Juni 2017

The Telescopes - As Light Return



 (sf) „Was ist das denn? Ist der CD-Player kaputt?“ So ungefähr war die Reaktion meiner Frau, als sie das Wohnzimmer betrat, wo ich gerade „As Light Return“, das neue Album von The Telescopes probehörte. Zu diesem Zeitpunkt (Mitte des Openers „You Can’t Reach What You Hunger“) war ich mir auch noch nicht ganz sicher, ob ihre Diagnose des Zustands unserer Stereoanlage zutreffend sein, jetzt weiß ich: Anlage okay, CD und Sound gehören so. Meine Frau wird sicher kein Fan der Band um Mastermind Stephen Lawrie, ich hingegen bin schon ein wenig fasziniert, wobei man sich schon darüber im Klaren sein muss, dass Freunde gepflegter Melodien hier nicht auf ihre Kosten kommen werden. Wer jedoch offen für Experimente und abgefahrene Songstrukturen ist: das ist genau Euer Ding!

Kreischendes Gitarren-Feedback schwillt an und schwillt ab, fräst sich durch dicht gewobene Schichten aus vielfach verzerrten Frequenzen. Obertöne schwirren hierhin und dorthin, überlagern einander und vereinigen sich auf einem Teppich aus Weißem Rauschen. Im Auge des Sturms ertönt Lawries Stimme, ruhig, wie abgespalten von all dem Getöse. Er stimmt seinen leisen, fast Trance-artigen Gesang an, beinahe überwältigt vom Sound der Instrumente. Die Worte sind kaum zu verstehen. „Ich möchte eigentlich jedes Mal eine Hörerfahrung erschaffen, die den Bereich des Üblichen erweitert. So wie ich es sehe, gibt es keine Eindeutigkeit. Diese Welt ist mehrdeutig, und das spiegelt sich auch in meinen Inspirationen wider. Die Eindrücke, die daraus entstehen, erlangen für jeden Zuhörer eine eigene, individuelle Bedeutung.“

„As Light Return“ – so lautet der Titel des neunten Albums der Telescopes. Die Band, 1987 von Lawrie gegründet, hat im Lauf der Zeit unterschiedliche Phasen durchlaufen. Die Liste der Mitglieder und der engen Vertrauten ist lang. Doch das einzige wirklich konstante Mitglied der Telescopes ist Stephen Lawrie persönlich. An diesem Album – aufgenommen im bekannten Riverside Music Complex in Glasgow – sind zum Beispiel wieder einmal Mitglieder der Band St Deluxe als tatkräftige Unterstützer beteiligt. So ist der permanente Wechsel mittlerweile zum Bestandteil des Konzeptes geworden. „Es verändert sich von Live-Performance zu Live-Performance und bei fast jeder Aufnahme. Im Moment arbeite ich an einem Album, wo ich alles selbst mache. Ich spiele viele Live-Shows mit dem Schlagzeuger und dem Bassisten der Koolaid Electric Company, und dann nehmen wir uns unterschiedliche Gitarristen dazu, manchmal nur einen, manchmal können es aber auch bis zu acht sein. Aber gelegentlich spiele ich auch mit einer völlig anderen Besetzung oder trete ganz alleine auf, akustisch oder mit einer Noise-Show.“

Wie schon das 2015er-Album „Hidden Fields“ erscheint auch „As Light Return“ beim Hamburger Label Tapete Records und klingt ähnlich ausgewogen wie sein Vorgänger. Es mäandert souverän zwischen Song-basierten Noise-Strukturen und ungezügeltem Impressionismus. Dennoch bietet es Hörerlebnisse, wie es sie bislang im Werk der Telescopes nicht gab – und auch sonst dürfte so experimentelle Klänge eher selten sein. „Jedes meiner Alben unterscheidet sich von den anderen, jedes ist einzigartig und unvergleichlich. Man könnte vielleicht sagen, dass das Haus der Telescopes viele Zimmer hat, und dass dieses Album – genau wie das letzte – nicht nur auf ein Zimmer beschränkt ist. Vielmehr wirft es gewissermaßen einen Blick in jeden Raum. Allerdings sind die Themen, trotz des optimistisch klingenden Albumtitels, dieses Mal sehr viel düsterer als auf Hidden Fields.“ Tracks wie „You Can’t Reach What You Hunger“, „Hand Full Of Ashes“ oder das vierzehn Minuten lange Schlussstück mit dem Titel “Handfull Of Ashes” (Achtung, Verwechslungsgefahr!), sie alle scheinen eine intuitive Weisheit zu vermitteln, die der Hörer zunächst einmal entschlüsseln muss. „Mein Interesse gilt vor allem der menschlichen Natur. Es kommt vor, dass ich mich mit einem ganz bestimmten Thema befasse, um darüber zu schreiben, und dann feststelle, dass der Grundgedanke sich im Prinzip auch auf völlig andere Themen anwenden lässt. Ich könnte jeden einzelnen Song auseinandernehmen und die Gedanken hinter jeder Textzeile und jeder musikalischen Entscheidung erläutern, aber das wäre ein zu großer Eingriff in die persönliche Beziehung der Hörer zu den Stücken. Das wäre mir zu nüchtern.“

Seit dreißig Jahren folgt Stephen Lawrie seiner einzigartigen, künstlerischen Vision, und er tut dies heute mit einer Klarheit wie nie zuvor. „Anfang der Neunziger hatten die Leute in meiner Umgebung vor allem eines im Sinn: Nämlich, ob mein nächster Song ein Hit wird oder nicht. Aus heutiger Sicht ist natürlich klar, dass es den Telescopes niemals darum gegangen ist, aber damals hat mich das ziemlich abgelenkt, und es hat eine ganze Zeit gedauert, bis ich diesen Anspruch abschütteln konnte. In der Zwischenzeit habe ich gelernt, das, was mich wirklich inspiriert, die Quelle meiner schöpferischen Energie, im Blick zu behalten, und zwar ohne Kompromisse.“

Diese Songs scheren sich nicht um Konventionalitäten. Diese Musik besitzt eine unmittelbare Kraft. Der Hörer betritt ein riesiges Sound-Universum und kann darin seine eigenen, persönlichen Koordinaten wählen. „Wenn wir die Dinge um uns herum verbessern wollen, dann müssen wir sie zunächst von innen heraus verbessern.“

„As Light Return“ – Songs aus der verheerenden Leere. Muss man mögen. Kann man mögen. Auch wenns einem mitunter schon arg schwer gemacht wird…


 


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