Donnerstag, 5. Dezember 2013

Der große musikalische Rückblick 2013, Teil 5: Das Jahr der Überzeugungsidentitäter

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(rb/sf) Einmal noch schlafen, dann kommt der Krampus um die Ecke und kann zum Wochenende hin vermutlich nur mit einem Extra-Haferl Glühwein auf einem Christkindlmarkt Eurer Wahl besänftigt werden. Nichts zu befürchten hat unser heutiger Gastautor: Raphael ist Franke, Student, DJ (solltet Ihr mal nach Dresden kommen: check out https://www.facebook.com/ElbEffect), Produzent und Liebhaber des gepflegten geschriebenen und gerappten Worts.





Lakmann - Wofür mach ich das?

"So ein Soloalbum haben?/
Was hat Lakmann auf eim‘ Soloalbum schon zu sagen?"

Das fragte sich Lakmann 2010 noch auf seinem letzten Release, dem Mixtape "All In". Seit damals hat sich vieles verändert: HipHop ist wieder wer! Regelmäßig schnellen mal mehr, mal weniger, relevante Rap-Alben in die Top 10 und werden in den großen Feuilletons besprochen. 

Lakmann selbst hat schon fast alle Phasen der hiesigen Szene mitgemacht:  Als Teil der Crew Creutzfeld und Jakob hat er um die Jahrtausendwende zwei unvergessliche Album geschaffen und nach dem Ende der Gruppe einfach weitergemacht: Immer mit unantastbarem können, aber auch immer ohne Marketing-Plan und Major-Moves. Und jetzt, wo es mit der ganzen Szene wieder aufwärts geht, kann er nicht von dem neuen Hype profitieren und bleibt zurück. Im Zuge dieser Entwicklung veröffentlichte Lakmann dieses Jahr das Album "2 Gramm gegen den Stress" und geht darin offen damit um, wohl nie mehr ganz oben zu sein und irgendwie auch die falsche Einstellung zu der ganzen Sache zu haben, um erfolgreich zu sein. Exemplarisch dafür steht die fast schon rührend unprofessionell gefilmte Videoauskopplung  „Wofür mach ich das“: Mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit spricht er über das Gefühl, nach jahrelangem Arbeiten und literweise vergossenem Herzblut, mit leeren Händen dazustehen. Und damit hat Lakmann sehr wohl etwas auf einem Soloalbum zu sagen.

Damit stellt dieses Lied für mich den (notwendigen) Gegenpol zum aktuellen Deutschrap-Hypes dar: Es ist nicht entstanden, um am neuen, großen Kuchen teilzuhaben, sondern um zu zeigen, dass HipHop keine Investitionsstrategie ist, sondern ein Lebensgefühl.



Chefket - Identitäter

Nach dem Echthalter Lakmann und meiner Solidaritätsbekundung zum alten Eisen, kommt auf Platz 2 ein wunderbares Lied von einem „Newcomer“, der ohne die neue Vielfalt im deutschen Rap wohl nie ein größeres Publikum erreicht hätte. Der Berliner Chefket outet sich auf einem sehr musikalischen Beat als Identitäter – ein schönes Bild, lässt sich doch so sein sich-treiben-lassen nicht als Verweigerungshaltung oder Loser-Biographie hinstellen: Denn ein Täter hat immer ein Motiv und verfolgt sein Ziel mit Plan und Ausdauer. So ist sein Vagabundieren keine verschwendete Zeit, sondern notwendig, um der zu sein, der er heute ist: Ein toller Musiker, der hoffentlich noch weitere Überzeugungstaten begehen wird.

Und so ganz neben bei zeigt Chefket mit diesem Lied auch dem Mr. Bilder-im-Kopf, Sido, wie sich  ein Track mit gesungener Hook auf einem instrumentalen Beat anzuhören hat.



Haftbefehl - Generation Azzlack

Ja, der Hafti-Abi! Wie kann man den nur gut finden? Ganz einfach: Er ist nicht das blinde Huhn, das auch mal ein Korn findet, sondern ein Künstler, der es sehr genau versteht, der gemeinen deutschen Kartoffel mit seinem ungehobelten Kanackisch ein wohliges Schaudern über den Rücken zu jagen.

Seine Gangstergeschichten sind sogar so gut gestrickt, dass alle (Medien, Pädagogen, Eltern …) die Kunstfigur Haftbefehl für bare Münzen nehmen und am liebsten verbieten würden. Generation Azzlack ist Blaupause seines Stils: Bis zur Unkenntlichkeit verdrehtes Deutsch, Szenen wie aus einem Hollywood-Film mit einem Licht, das so kalt ist wie der Asphalt  - oder so. Also alles nicht so ernst nehmen, zurücklehnen und Film ab. 



Und sonst?

Natürlich hat Casper alle Erwartungen erwartungsgemäß übertroffen, „Kompass ohne Norden“ von Prinz Pi klingt, als hätten die Beatles Hip Hop gemacht (+ Generation-Abitur-Pathos) und MC Fitti macht die Musik, die Fettes Brot immer machen wollten.


Als Schmankerl wünscht Euch die luserlounge noch eine besinnliche elektronische Vorweihnachstszeit mit dem Elb Effect:


 

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