Dienstag, 1. September 2026

Arab Strap - Half-Told Tales

Foto: Luke Bovill
(Ms) Obacht: Hier kommt wirklich ein perfektes Rockalbum! Zweifelsohne!

Doch kurz zur Band und meinen irrigen Vermutungen. Da mir die Band bis vor wenigen Wochen gar nichts sagte, trotz dass es sie seit 1995 gibt, fiel ich etwas auf den Namen rein. In den letzten Monaten hat mich die Musik von Imarhan total begeistert. Und ich dachte, dass eine Gruppe Namens Arab Strap sicher auch Tuarek-Musik macht. Tja. Da war das erste Hören von Half-Told Tales doch eine etwas seltsame Begegnung. Nach kurzer Recherche festgestellt, dass das Duo nicht nur für ihren tollen vorgetragenen Text bekannt sind, sondern auch eine sehr lange Pause gemacht haben. Aidan Moffat und Malcolm Middleton also. Aus Schottland nicht aus dem nördlichen Afrika. Tja, Schreiberling, da hast du dich mal wieder komplett verrannt.

Warum ist also Half-Told Tales ein perfektes Rockalbum? Naja, es gibt 14 Beweise. Doch am entscheidensten (kann man das so sagen?!) sind die unglaublichen Arrangements. Sie sind nicht nur sehr abwechslungsreich - diese Platte wird zu keinem Moment langweilig -, sondern auch herrlich dicht angelegt. Hier plätschert kein Instrument einfach so nebenbei. Hier gibt es keine öden Pausen oder Übergänge. Auf diesem Album gibt es viele exzellente Überraschungen und vor allem solch Musik, die voller Energie nach vorne drängt. Da bin ich ein einfaches Opfer, um das gut zu finden. Doch: Wer könnte diese Platte auch nur ansatzweise schlecht finden?! Eben! Da ist so viel Wut, so viel Druck - uff!

Da ist schon mal der Start: Ballendes Schlagzeug, prägnanter Bass, verspielte Gitarre und ein sehr wirkmächtiges Xylophon. Die Gitarre wird schnell sehr roh, das Schlagzeug treibt nach vorn und ein Saxophon schwirrt I Get Noise auf eine völlig irre Ebene! Insbesondere das satte Zusammenspiel von Gitarre und Drums sind herausragend! Der ganze Körper will diese Musik erleben!
You You You hingegen startet mit Synthie-Klängen, bis erneut die markante Gitarre einsetzt. Ein Track, der von einem bitteren Leben spricht. Es gibt Pillen zum Frühstück und die Schuhe sind kaputt und ohnehin ist wirklich alles extrem düster, doch es gibt ein Gegenüber, das dem lyrischen Ich wohl aus dem irren Schlamassel hilft oder zumindest Halt gibt. Die Nervosität aus dem Text spiegelt sich perfekt in der Musik - großartig!
Klavier und Melancholie dann wiederum auf Be A Man. Die durchaus andächtige, ja, traurige Grundstimmung geht auch hier Hand in Hand mit den Versen. Denn hier spricht das lyrische Ich aus der Sicht eines Vaters, der sich um seinen Sohn sorgt und sich fragt, wie er ihn als Kerl erziehen soll. So viele laute Stimmen auf der Mattscheibe, die so viel Müll von sich geben. So viel Liebe und nie endende Sorgen eines Papas. Starker Song, starkes Saxophon.
Elektrisch und voller Feuer und dem kleinen Einmaleins der Rockmusik geht es auf Fighting For You und Glamour Magick weiter. Wie das wohl live knallen mag?! Auf der kommenden Tour sind Arab Strap leider nicht in Deutschland, Schweiz oder Österreich unterwegs. Das kommt hoffentlich noch. Ich will das erleben!
Zu einem guten Rockalbum gehören auch zum teil ruhigere Lieder wie Gape oder Under Offer. Sie setzen nicht nur den starken Grundton nur in anderem Gewand fort. Sie halten die Spannung aufrecht. Das funktioniert mal mit wackeligen Streichern, mal mit übereinander gelagertem Gesang. Unglaublich auch, wie sich Basic Physics entwickelt. Ein Song wie ein einziges Crescendo. So viel Power, so viel Drang nach vorn, während es im Text darum geht, dass wirklich alle - sogar die Bienenkönigin - wissen, dass diese Liebe nichts hält. Dass hier nur zwei Menschen nebeneinander her leben. Bitterer Text. Großartiger Track!
Und dann kommt noch ein Song wie Fragments. Man sollte sich auf diese gut vier Minuten gut vorbereiten. Denn sie verlangen kurz vor Ende des Albums noch mal einiges von den Hörenden ab. Über zwei Minuten wabert es unter der Oberfläche, nochmal Saxophon und einiges an Percussion. Dann ein extrem satter Bass, der schon ahnen lässt, was kommen mag. Die letzten vierzig Sekunden ballern alles auseinander: alle Instrumente zusammen, volle Wucht, Streicher, Synthies, kompletter Druck - genial!

Wenn Half-Told Tales dann durch gelaufen ist, gilt es erstmal durchzuatmen. Diese Platte ist wirklich enorm. Sie ist inhaltlich, aber auch oft von den Arrangements her äußerst düster und phasenweise beklemmend. Doch genau das macht ja den Reiz aus. Große Neugier, was immer noch kommen mag, welche Geschichten noch vorgetragen werden. Hier steckt wirklich viel Know-How drin, aber auch sehr viel Arbeit, bis so ein Werk erstmal steht. Das ist klasse aufgegangen - was für ein perfektes Rockalbum!



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