Dienstag, 21. März 2023

Tristan Brusch - Am Wahn

Wahnsinnig. Foto: Rebeca Krämer
(Ms) Natürlich ist es total unfair und alle Erkenntnisse des Zusammenlebens sprechen dagegen, aber der Tristan Brusch sieht doch schon so wahnsinnig aus, oder? Dieses breite, mitunter diabolische Grinsen. Diese irre Wandelbarkeit. Mal mit wallendem, lockigem Haar. Dann wieder strohblond. Mal mit Schnäuzer, mal ohne. Und wenn er dann anfängt seine Lieder zu singen, könnte man schon fast Angst bekommen. Es wäre irgendwie nachvollziehbar.

Tristan Brusch also. Kennengelernt habe ich ihn erst durch seine Zusammenarbeit mit Mine. Da fiel er direkt schon mit seiner markanten Stimme auf. Am Rest ist sein letztes Solo-Album, das er vor zwei Jahren veröffentlichte. Es ist beeindruckend persönlich mitunter. Aber immer wieder auch total schräg, irgendwie unterhaltsam. Man könnte meinen, es sei unkonventionell. Aber an was gemessen?! Denn ein wirklich griffiger Vergleich zu seiner Musik fällt mir nun wirklich nicht ein. Und gerade das macht es ungeheuer spannend! Tristan Brusch bewegt sich mit seiner Musik irgendwo zwischen Indiepop, Jazz und Chanson. Aber vor allem spielt alles in seiner ganz eigenen Welt ab. Auch textlich. Und das beweist er erneut auf seinem kommenden Album. Logischerweise heißt es Am Wahn und erscheint am 24. März. Der in Berlin lebende Sohn zweier Musiker zeigt darauf, was die deutsche Sprache alles kann und dass die Musik nicht immer glasklar und aufpoliert erklingen muss.

Charakteristisch an all den Liedern auf diesem Album ist die Art der Aufnahme. Es scheint alles ein bisschen gedämpft zu sein, wie durch ein altes Radio schallend. Das Klavier auf Wahnsinn Mich Zu Lieben, dem ersten Stück der Platte, klingt so, als ob es aus einem Saloon aufgegriffen wurde. Der Titel des ersten Stücks lässt sehr gut darauf schließen, worum es auf den gut 38 Minuten gehen wird. Es ist ein Konzeptalbum über wirre Beziehungen. Toxische mitunter. Viel schöner finde ich ja den Begriff Amour Fou. Die verrückte Liebe, die sich jeglicher Logik entledigt. Die, die auch wehtun kann, aber halt auch den Rausch feiert. Ist man erstmal in dieser Art der Beziehung gefangen, fragt man sich, wen man denn noch um Rat fragen kann. Den lieben Gott etwa? Auf Oh Lord findet dies (wenn auch nur am Rande und im Titel) statt. Wie genial dieses Lied arrangiert ist… hier knallt die Oboe. Ehrlich. Und der Sänger sucht jemanden, der ihm verzeihen kann. Und jemandem, der einem überhaupt mal erklären kann, wie das auf dieser Welt funktioniert. Ist das Pop? Jazz? Klezmer? Egal, es geht hervorragend auf! 
Bei der Information, dass Kein Problem ein Duett mit Annett Louisan ist, musste ich erstmal stutzen. Diesen Namen hätte ich hier nie erwartet. Doch die Art, wie sie zusammen singen, sich ergänzen wie ein Echo, passt genau! Die Hingabe aus dem Text, dringt durch ihren Art des Gesangs exakt durch - genial!
Eins der großen Highlights ist Seifenblasen Platzen Nie. Vor allem durch das Vokabular, das Tristan Brusch nutzt. Er hat keine Scham die Wörter Orgasmus oder ficken in den Mund zu nehmen. Viel mehr passen sie genau zur Musik und seiner tiefen, eindringlichen Stimme. Apropos Musik: Hier ein paar Streicher, dort Bläser. Auf dieser Platte wird schon groß aufgefahren. Und Folgendes mag ein wenig unfair klingen, da ich die anderen Musiker kaum kenne. Aber bei vielen Stücken spielt Felix Weigt Bass. Ein Nimmermüder seiner Zunft. Er spielte schon mit Marcus Wiebusch oder in der Höchsten Eisenbahn oder auf dem aktuellen Lambert-Album. Wahnsinn. Zeigt auch, dass Tristan Brusch sich seine Mitmusiker sehr gut aussucht, um diesen Klang so zu erzeugen und wirken zu lassen.
Mirage ist der nächste Knaller. Eine Zirkusnummer. Ein dramatisches Stück in Text und Musik. Ist das alles nur eine Illusion?! Darum geht es hier. Vielleicht ist all die gefühlte Liebe und Zuneigung ja gar nicht da gewesen. Wie ein billiger Trick löst sie sich in Luft auf - und tut weh. Das hier ist große Kunst, das ist ziemlich genial! Doch es geht auch andächtig, melancholisch zu auf diesem Album. Wieder Eine Nacht ist so eine Nummer. Eine Nacht träumen oder eine, die den Anschein hat, niemals aufzuhören, weil man sich quält. Tristan Brusch weiß sehr gut, wie eine Geschichte zu erzählen ist. Er findet die treffenden Worte und weiß genau, wie sie am besten durch Musik in Szene zu setzen ist. Klasse!
Monster ist dann noch so ein Kracher, der unter die Haut geht. Eindringlich, dicht, sehr energetisch. Auch Baggersee, kurz vor Ende diesen unglaublichen Albums, ist ein wunderbarer Traum! Einfach Sonnenschein, Sommer, nackt sein, leicht sein und ein wenig verrückt obendrein.

Tristan Brusch ist mit diesem wundervollen Album auf jeden Fall am Wahn angekommen. Natürlich ist das hier ein Liebesalbum. Aber eben eines, das seine krassesten Ausprägungen dichterisch toll in Szene setzt. Brusch ist ein wahrer Lyriker, ein Schelm obendrein und jemand, der mit diesen ungewöhnlichen Arrangements ein wahres Alleinstellungsmerkmal schafft. Dieses Album ist unterhaltsam, geht unter die Haut, verblüfft, swingt und macht auch irgendwie Angst. Genial, das ist Kunst!

02.10.2023 Dresden, Societaetstheater 
03.10.2023 Hannover, Faust Theatersaal 
04.10.2023 Hamburg, Imperial Theater 
12.10.2023 Köln, Gloria Theater
13.10.2023 Wiesbaden, Museum Wiesbaden 
14.10.2023 München, Deutsches Theater


1 Kommentar:

  1. Interessant und erfrischend! Gesanglich wie Morrissey mit deutschen Texten die von Wanda kommen könnten. Dazu noch ein geiler Sound.
    Danke fürs Zeigen!

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