Freitag, 23. April 2021

KW 16, 2021: Die luserlounge selektiert

Bild: buhne16.de
(ms/sb) Jetzt wird gepöbelt! Wie ich bereits hier und da hab fallen lassen, bin ich passionierter Bahnfahrer, verweigere die Anschaffung eines Autos, mag das Fahren nicht und auch nicht derart viel Geld für einen großen Gegenstand ausgeben. Mit Rad und Bahn erreiche ich vieles. Klar, für das, was unerreichbar ist, brauche ich auch motorisierte Unterstützung. Wie Juse Ju jedoch sagt: Ich hasse Autos. Pro Bahn! Täglich pendle ich und letztens hatte der Zug Verspätung, kommt vor. Selten. Zwei Herren um die fünfzig vor mir regten sich schon furchtbar auf: "Der kommt zehn Minuten zu spät, ich habe um 8 Uhr einen Termin... das wird eng!" Junge, wenn du so schlecht organisiert bist, dann kann auch der Zug nichts dafür. Mit der Karre kannst du auch im Stau, an einer Ampel, hinter einem Trecker stecken. Doch dieser Tage ist mir ein Hinweis in der Bahn erst so recht aufgefallen, war baff und sah mich in meiner intoleranten Haltung bestätigt. An ein paar Türen oder Wänden ist eine Person am Handy abgebildet, dazu der Slogan: "Zeit zum Surfen". In der fucking Regionalbahn! Klar, Werbung für das vorhandene WLAN. Aber was soll die Animation?! Als ob das nicht eh 80% der Leute machen würden. Ich komplett ignoranter Snob lese währenddessen. Auf langen Strecken hänge ich auch am Handy, normal. Was soll aber der Hinweis, endlich surfen zu können?! Die Menschen wissen schon, wie Zeit totzuschlagen ist. Mein Vorschlag daher: "Zeit zum Lesen. Du kannst auch auf dein Handy glotzen. Deine Entscheidung."

Pöbelmodus aus. Hier ist die luserlounge. Wir sind freundlich und haben selektiert. Freitag. Bitte:
 
shatten
(sb) Ursprünglich, rotzig, dreckig, perfekt unperfekt - die Produktion des selbstbetitelten Debütalbums von shatten ist sicher nicht ganz typisch für die heutige Zeit. Dennoch möchte man sich die Scheibe gar nicht anders vorstellen. Sauber und glattgebügelt würde das nicht funktionieren. Dessen war sich das Quintett wohl auch bewusst und bildet die Energie und Dynamik einer Liveshow nahezu ideal innerhalb von 33 Minuten ab. Das versetzt den Hörer schon beim puren Konsum ins Schwitzen. Eine großartige Mischung aus hymnischem Pop, destruktivem Punk, Melancholie und schwindelerregendem Lärm. In manchen Passagen ist es fast ein bisschen verstörend, aber genau das macht shatten (VÖ: 30.04.) zu einem Ereignis. Lasst uns das bitte ganz bald auf den Bühnen der Republik erleben dürfen! Eins noch: Dieses Album erfordert die volle Aufmerksamkeit und Konzentration. Wenn man es nur so nebenher laufen lässt, geht es unter, weil man die Nuancen, Details und textlichen Feinheiten nicht ausreichend würdigen könnte.


Teenage Fanclub
(sb) Eins mal vorweg: Mit Teenage Fanclub macht man nichts falsch. Nie! Ich habe die Schotten musikalisch Mitte der 90er Jahre kennengelernt, kurz nachdem sie als Vorband von Nirvana auf Tour waren. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie das zusammenpassen soll. Aber ja, Teenage Fanclub haben nicht immer die lässig-folkige Mucke gemacht wie heutzutage...
Zugegebenermaßen bietet Endless Arcade (VÖ: 30.04.), das neue Album des Quartetts, wenig Überraschendes. In diesem Fall begrüße ich das jedoch sehr - erinnert Euch an meinen Einleitungssatz. Es gibt wirklich kaum etwas Beruhigenderes, Trostspendenderes und Mutzusprechenderes als die Musik der Fannies. Wenn gar nichts mehr geht, die gehen immer. Unaufgeregt, unaufdringlich und irgendwie immer angenehm heimelig.

Tourtermine gibt's auch schon, aber Achtung: Da müsst Ihr noch mehr als ein Jahr drauf warten.

27.04.2022 Hamburg – Knust
28.04.2022 Berlin – Columbia Theater
29.04.2022 Düsseldorf – Zakk
01.05.2022 München – Strom
02.05.2022 Mannheim – Alte Feuerwache


Bayuk
(ms) Hach, Treibenlassen. Hach, Entdecken. Ich mag euch sehr! Denn: Wo ich einst von Bayuk gehört habe, weiß ich gar nicht mehr so genau. Aber es gab den einen Hinhörer, der stark haften blieb! Im weitesten Sinne Popmusik mit catchy experimentellem Charakter, der voll auf geht! Beeindruckend. Frisch und unbefangen. Ein großes Glück, dass ich ihn vor zweieinhalb Jahren auf dem Reeperbahn Festival gesehen habe. Voller Inbrunst, Hingabe zur Musik und mit Tobias Siebert im Hintergrund hat er ein faszinierend druckvolles Konzert im kleinen Kreis gegeben. Ein paar Singles und Features später steht Ende August endlich der Nachfolger zu Rage Tapes bereit. You Won ist der erste Track, der daraus zu genießen ist. Hörbar eingängiger und poppiger ist es als zuvor. Schöne Schwermut, wenn man so sagen kann. Ich hoffe, das der beeindruckende Charakter vom Erstling sich auch auf dem zweiten Werk wiederfindet! Ohnehin: Bayuk ist ein wundervolles Beispiel dafür, wie viele gute, begabte MusikerInnen es hierzulande gibt!


Adrian Crowley
(ms) Faszination. Traum. Schweben. Eskapismus. Eintauchen. Entfliehen. Sich mitnehmen lassen. Ganz klar. Ganz leise. Ganz heimlich. Dicht. Eindringlich. Beeindruckend. So ging es mir, als ich das erste Mal The Watchful Eye Of The Stars von Adrian Crowley gehört habe. Das Album erscheint kommenden Freitag (30. April) und es bleibt mir leider viel zu wenig Zeit, um dieses kunstvolle Werk in all seiner Schönheit, Brillanz zu beschreiben. Es wird sein neuntes Album sein und es ist deutlich zu hören, mit welch Kenntnis und Geschick, mit welch Umsicht und scheinbar einfachen Mitteln er es schafft ein eigenes Universum zu erschaffen! Irgendwo zwischen Sivert Hoyem, Junip und der kunstvollen Arrangements von Get Well Soon ist diese Musik angesiedelt. Wenn die Gitarre im Hintergrund nur den Rhythmus vorgibt, tanzen allerlei Elemente im Vordergrund. Stimmen wechseln sich ab, Streicher knatschen wundervoll, Percussion ist wundervoll klug eingesetzt und erschaffen so einen Raum, der nur der Musik gestattet ist zu zaubern. Das ist schlichtweg genial. Und trotzdem/deshalb so wunderwunderschön! Was für eine heilsame Platte!


Tristan Brusch
(ms) Was muss ein guter Song schaffen? Was ist es, das man es nochmal anklickt? Was ist es, dass das Video mehrmals hintereinander läuft, weil es einen baff zurück lässt?! Was ist es, das so fasziniert? Ja, es ist das, was so schwer in Worte fassen ist. Das, was fast nur zu spüren ist. Tatsächlich ist es sehr lange her, dass mich ein deutschsprachiger Song derart gefesselt, beeindruckt und zum Teil auch schockiert hat wie Zwei Wunder An Einem Tag von Tristan Brusch. Irgendwo zwischen Gisbert zu Knyphausen, Love A und herrlich deftigem Sprachgebraucht wandelt er auf diesem wundersamen Lied. So sanft es beginnt, so stark bricht es aus. So sinnlich viele Momente aus dem Video, so verstörend wird es. Zwischen knallharter Gegenwartskritik und gefühlvoll melancholischer Introspektive bewegt sich dieses Lied. Haut dir mitten in die Magengrube und reißt einem doch die Augen auf. Wenn sehr umsichtiges und kluges Songwriting mit einer außergewöhnlichen Instrumentierung einher gehen, kommt so etwas Bleibendes dabei heraus! Album im Herbst. Massive Vorfreude!

 
Anna Mabo
(sb) Ach Österreich, Du verzauberst uns einfach immer wieder: touristisch, kulinarisch, musikalisch. Mit Anna Mabo schickt sich nun die nächste Künstlerin an, sich nachhaltig in meinen Gehörgang zu bohren. Es ist wirklich beeindruckend, wie nahe Genie und Wahnsinn bei der jungen Dame beieinander liegen. Wie kann man denn nur über die Banalitäten des Lebens solche grenzgenialen Texte verfassen und Lieder schreiben? Ein als Ode ans Fahrradschloss getarntes Trennungslied? Kein Problem! Anna Mabo hat das Herz auf der Zunge, singt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist und das ist ungemein erfrischend und, ja, ursprünglich. Das klingt nicht gekünstelt, sondern einfach nur authentisch und wahrhaftig. Dabei nimmt sie (bewusst?) in Kauf, dass der ein oder andere Ton jetzt nicht unbedingt zu 100 % getroffen wird, aber hey: Drauf geschissen! So ist das Leben und das ist bekanntlich kein Ponyhof. Und in Wien schon zweimal nicht! Leute, holt Euch das Album Notre Dame (VÖ: 07.05.)! Da es leider noch kein aktuelles Video zur neuen Scheibe gibt, müsst Ihr hiermit Vorlieb nehmen...



Broilers
(sb) "Wir bleiben die, die wir waren: Jugendliche mit 40 Jahren!" Gleich im Auftakttrack Nicht alles endet irgendwann geben die Broilers die Richtung ihres neuen Albums Puro Amor (VÖ: heute!) vor. Ich verfolge die Düsseldorfer zwar "erst" seit gut zehn Jahren, aber zumindest in dieser Periode stellt die neue Scheibe durchaus einen Höhepunkt dar. Zwar erklommen sowohl Noir (2014) als auch (sic!) (2017) die Spitze der deutschen Albumcharts, mich konnten sie jedoch stets nur partiell überzeugen. Anders Puro Amor, das von Track 1 bis 14 keine Durchhänger und Lückenfüller aufweist, sondern aus einem Guss daherkommt. Klar, der Pathos kommt auch diesmal nicht zu kurz und Sammy Amara und seine Band zeigen einmal mehr ein Herz für die Außenseiter der Gesellschaft. Highlights: Porca Miseria, Diktatur der Lerchen und der Ska-Kracher Schwer verliebter Hooligan! Wenn das mal nicht die nächste Nummer 1 wird...


Drangsal
(ms) Sich selbst als Kunstfigur inszenieren und das so wunderschön und konsequent. Dafür mag ich Drangsal sehr! Dieser irre Pathos, dieser wirklich eigenständige Sound aus viel Know-How und einer ewigen Hommage an die 80er. Null Angst vor Kitsch, kompletter Standhaftigkeit. Das muss man in der Form erstmal so abliefern. Ein paar Mal sah ich ihn live und es macht enorm Freude! Geil, dass Groupies da sind. Geil, wie er abliefert und unendlich gut seine Band ist. Wie geil er als recht junger Typ so eine Art von Schlager macht und das mit aufrechtem Kopf. Wie geil, dass nun ein neues Album in Aussicht ist: Exit Strategy erscheint zwar erst am 27. August, doch Vorfreude ist momentan doch ein noch geeigneteres Mittel, um die Zeit rum zu kriegen, richtig? Urlaub Von Mir ist die erste Auskopplung und er macht genau da weiter, wo er mit Zores aufgehört hat. Satter Bass, herrliche Texte voller Schmalz und Ehrlichkeit und Reflexion und Strahlkraft und Selbstfindung. Tanzbar, andächtig, für die Ewigkeit, für jetzt!

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