Freitag, 7. August 2020

KW 32, 2020: Die luserlounge selektiert

Bild: davingreenwell.com
(sb) Spotify-CEO Daniel Ek tat diese Woche seine Meinung kund, dass es für Musiker/-innen nicht reiche, alle drei bis vier Jahre ein Album zu veröffentlichen. Nicht ganz zu Unrecht hagelt es von Seiten der Künstler/-innen reihenweise Kritik an dieser Einstellung. Mike Mills, Bassist von R.E.M., twitterte beispielsweise recht unzweideutig:

"Music=product, and must be churned out regularly, says billionaire Daniel Ek. Go fuck yourself."

Wie seht Ihr das? Macht es Sinn, Kreativität zu erzwingen oder braucht Kunst einfach ihre Zeit?

Fragen über Fragen! Fest steht: Es ist Freitag. Wir sind die luserlounge. Es wird selektiert.

Blitzen Trapper
(sb) Album Nummer 10! Im schnelllebigen Musikbusiness ist sowas heutzutage ja alles andere als alltäglich, doch Blitzen Trapper bleiben als Konstante bestehen und schaffen es immer wieder, sich neu zu erfinden und sich dennoch treu zu bleiben. Im Singer-/Songwriter-Kosmos dreht man sich textlich ja gerne mal um existenzielle Fragen zu Leben und Tod, die Band aus Portland wagt auf Holy Smokes Future Jokes (VÖ: 11.09) jedoch den nächsten Schritt und beleuchtet die Zwischenperiode zwischen dem Leben einer Person auf der Erde und dessen Ende. Blitzen Trapper bewegen sich dabei stilistisch zwischen Teenage Fanclub, The Weakerthans und Ben Folds, ganz stark wirds in den Passagen, an denen man sich an die späten Beatles erinnert fühlt. Herrlich unprätentiös trotz der spannenden Materie, die den Hörer geradezu durch spannende Szenarien der Existenz peitscht.


100 Kilo Herz
(sb) BrassPunk aus Leipzig, eine klare musikalische Kante, tanzbare Politik - das sind 100 Kilo Herz! Die eindeutige Positionierung zur Weltoffenheit und gegen ekelhAfDe Tendenzen und Auswüchse in unserer Gesellschaft ist nicht nur zwingend notwendig, sondern in diesem Fall auch extrem gut gelungen. So traurig und beschämend es auch ist, dass eine thematische Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus und -sexismus überhaupt notwendig ist, so froh sollte man sein, dass es Musiker wie 100 Kilo Herz gibt, denen es gelingt, ihren Standpunkt so eindrücklich in Worte zu fassen. Ich möchte gar nicht zu weit ausholen und zu viel verraten, aber Stadt Land Flucht (VÖ: heute!) ist bislang das beste deutschsprachige Punkrock-Album des Jahres. Kauft es Euch, hört es Euch an und geht ab! Lieblingstrack: Drei vor Fünf vor Zwölf!


Forkupines
(sb) In schwachen Momenten klingen die Forkupines a bisserl wie Billy Talent, in allen anderen möchte man die drei bisher bekannten Tracks des neuen Albums Islands (VÖ: 23.10.) gar nicht mehr ausschalten. Trotz eher düsterer Themen wie Depressionen, Selbstzweifel und Einsamkeit gelingt es dem Trio aus Braunschweig, ordentlich Gas zu geben und nicht im Selbstmitleid zu versinken. Die Forkupines bewegen sich auf hohem internationalen Niveau und dürften problemlos mit den Szenegrößen mithalten können. Es fehlt quasi nur die Initialzündung, der Durchbruch - aber sie arbeiten dran. Und wenn die anderen Songs des Albums an das Niveau der Teaser heranreichen, kann das klappen.


Schatzi
(sb) Unsere Lieblinge von Turbostaat beginnen ihre Social Media-Posts ja gerne mal mit den Worten "Velten hat gesagt, macht das". Velten, das ist der Leiter ihrer PR-Agentur - und der Typ macht nen verdammt guten Job, denn tatsächlich gelingt es ihm regelmäßig, die Neugier in mir zu wecken, mir "seine" Künstler anzuhören. Bestes Beispiel: Schatzi
Der zugehörige Pressetext ist so dermaßen abgedreht und over the top, dass man gar nicht anders kann, als sich das mal anzuhören. Und siehe da: stark! Zwar bei weitem nicht so innovativ, revolutionär und weltbewegend wie man es erwarten durfte, aber halt doch sehr catchy und gefällig. Mir persönlich sagt die Ästhetik des Videos leider nicht sonderlich zu (ist halt Geschmackssache!), Glock, die erste Single aus der Debüt-EP Animalia Parc (VÖ: 23.10.), ist aber doch ein ziemlich lässiges Biest, das hängen bleibt und Lust auf mehr macht. Wieder mal alles richtig gemacht, der Velten...


Sophie Hunger
(sb) Sie ist Weltbürgerin und auf ihrem neuen Album präsentiert sie sich einmal mehr auch als solche: Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger wuchs in Bern, London, Bonn und Zürich auf und lässt diese Erfahrungen sprachlich in ihre Musik einfließen. Auf ihrem neuen Album Halluzinationen (VÖ: 28.08.) führt diese Zweisprachigkeit jedoch zu dem Paradoxon, dass man das Werk als zwei Alben in einem empfindet. Das Störende daran ist vor allem der merkliche Qualitätsunterschied, denn während der Großteil der englischsprachigen Tracks zu überzeugen weiß, fallen die deutschen Songs doch deutlich ab und klingen (mir) zu künstlerisch, zu gewollt. Exemplarisch dafür steht der Titel Rote Beeten Aus Arsen - puh, ganz schwierig! Da halte ich mich doch lieber an die Perlen dieses Albums wie Liquid Air oder Security Check...


Christy
(sb) Wenn man was von "Singer/Songwriter" liest und dann auch noch von "The Scottish Rihanna", dann lädt das nicht zwingend zum Anhören ein. Da ich gestern jedoch eine längere Autofahrt zu absolvieren hatte, habe ich mir die Homegrown EP (VÖ: heute!) von Christy aber dennoch auf den mp3-Stick gezogen. Und so lief erst Jamie Lenman, anschließend Maxim (beide kommende Woche in der Selektion) und dann eben der Schotte. Die Sonne brannte, der Bodensee flog nur so vorbei und aus den Boxen tönten leichte Melodien und eine intensive Stimme, die phasenweise fast ein wenig an Chris Martin (Coldplay) erinnerte - nur halt in angenehm. Ich muss ja gestehen, dass ich bis gestern noch nie von Christy gehört hatte, bin aber sehr optimistisch, dass er - zumindest im UK - erfolgreich werden kann. So lass ich mir gefühlvolle Popmusik eingehen!


Liedfett
(sb) Ach Mann, ich würde Euch jetzt sososo gerne erzählen, wie genial und super und überhaupt das neue Album von Liedfett ist, weil die Band seit ihrem überragenden Schlaflied (einer der wenigen Songs, die bei mir immer und überall laufen können!) bei mir einen fetten Stein im Brett hat. Aber man soll ja nicht lügen und so befürchte ich, dass beim Titel Durchbruch (VÖ: heute) der Wunsch leider Vater des Gedankens bleiben wird und eben dieser nicht erfolgen wird. Warum? Irgendwie plätschert das ganze Album so vor sich hin, es ragt nicht wirklich etwas heraus (am ehesten noch Alle wissen Bescheid - siehe Video), die Texte sprechen mich nicht an und insgesamt wirkt die Scheibe viel zu heterogen, alsdass man sich darauf einlassen möchte. Und wenn die PR-Nachricht dazu dann von "Punk" spricht, dann komm ich darauf so gar nicht klar, denn als solchen empfinde ich die Musik der Hamburger quasi zu keiner Zeit. Hm, das klingt jetzt alles viel negativer als es gemeint ist... Man kann sich das schon anhören, aber zum Durchbruch wird es nicht reichen.


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