Donnerstag, 20. August 2020

Alin Coen - Nah

Foto: Sandra Ludewig
(ms) Kommt eine neue Platte heraus oder hört man ein bis daher noch nicht gehörtes Lied erstmalig, beginnt ein spannender Prozess zwischen Künstler und Rezipient. Diesbezüglich muss ich eine Schwäche meiner Musikhörgewohnheiten zugeben: Bei deutschsprachigen Liedern achte ich wesentlich intensiver auf den Text als bei nicht-deutschsprachigen Songs. Die Texte sind dann oft Ausschlusskriterium, ob ich das Lied höre oder nicht und schlussendlich auch maßgeblich für das Urteil darüber.
Der Prozess, der dann beginnt, dreht sich um den Sinn der Worte. Einige Musikerinnen sagen, dass die Interpretation der Hörer viel krasser und tiefer sei, als der Text je dacht war. So Marcus Wiebusch über Kettcars Wäre Er Echt. Um wen es da genau geht, um Gott beispielsweise, entscheidet die Hörerin.
Heißt wiederum auch in diesem Austausch: Will ich als Hörer wissen, was die Texterin damit meint? Will ich wissen, aus welcher Situation heraus, diese Worte entstanden sind? Will ich mir das erklären lassen, was ich da höre? Wohlgemerkt: Wir sprechen dabei am besten um sinnlich-emotionale Lieder. Wenn es um Gesellschaftskritik oder Politik geht, kann ich das gut annehmen.
Doch. Doch ansonsten: Möchte ich nicht viel lieber meine eigene Geschichte dazu entwerfen? Meine eigenen Bilder malen? Mir das Lied aneignen und auf Situationen meines Lebens münzen oder mich in Träumen verlieren?



Genau diese Grundentscheidung im bewussten Hören von Musik wird für mich beim neuen Album von Alin Coen in seinen Festen erschüttert. Ich bin Team Hineinträumen und sich für mich aneignen. Meistens. Doch die wunderbaren, zarten, klaren, feinfühlig arrangierten Lieder auf Nah sind zum Teil derart intensiv, dass ich voller Fragen zurück bleibe und staune.
Ich wünsche mir, dass Alin Coen die schönen Seiten ihrer eigenen Lieder selbst durchlebt und erfühlt hat. Ich hoffe, dass die dunklen, verzweifelten, zerbrechlichen Strophen aus einer tiefen, großen, wundervollen Empathie entspringen, aus unermesslichem Menschsein. Sonst hätte Alin Coen für einige Lieder schlimme, wirklich erschütternde zwischenmenschliche Phasen durchlebt.
Und genau da sind wir beim Punkt: Will ich wissen, ob Alin Coen die Liebeslieder und die Verzweiflungslieder aus persönlichen, echten Situationen heraus geboren hat oder nicht? Etwas arg überspitzt formuliert: Will ich in Alin Coen eine wunderbare Romantikerin sehen, die pure Liebe zulässt und sich vor ihrem Publikum emotional nackt macht oder nicht?
Ganz ehrlich: Diese Frage kann ich nicht beantworten. Oder ich bin noch dabei. Denn in erster Linie bin ich unglaublich angetan von diesem Werk Nah. Denn es als reine "Platte" zu bezeichnen, wäre zu wenig. Dies ist es lyrisches und musikalisches Werk.



Dieses Werk beginnt ganz sanft, ja beinahe zerbrechlich mit einem Lied, das nur aus Stimme und Klavier besteht. Du Bist So Schön. Herrje, wann hat man das jemandem zuletzt mal gesagt? Und wann hat man zuletzt jemanden beim Schlafen beobachtet und genau das für sich festgestellt? Dieses Lied darf durchaus als kleiner Seitenhieb verstanden werden, genau das mal wieder zu machen. Die Reaktion dürfte umwerfend sein!
Der Track darf auch durchaus als Liebeslied verstanden werden. Davon gibt es einige Momente, Strophen und Refrains auf diesem Album. Und die anderen angesprochen Seiten gibt es auch. Beispielsweise auf Du Machst Nichts oder Entflammbar. Bei beiden Liedern geht es um nicht erwiderte Liebe, um die furchtbare Ernüchterung, wenn von der Gegenseite nichts kommt, emotional und auch verbal. Wenn man investiert und investiert und es verpufft nur. Argh. Schlimm. Was Alin Coen mit diesen Liedern schafft, sind nicht nur mit Worten sanft erzählte Situationen, die erdrückend sind. Ergo große Songwriterqualitäten zeigt sie auch dort. Diese zarten Stücke können auch ein direkter, brennender Pfeil ins Herz sein. Das schaffen nicht viele in diesem Genre!
Das bestechende auf diesem Werk sind die unausgesprochen Momente, in denen das Lied stattfindet. Bestes Beispiel: Bei Dir. Locker lässt auch das sich als Liebeslied interpretieren. Das dazugehörige Video suggeriert etwas anderes und verleiht dem Song noch mehr Drive. Denn Lockerheit und frohes Jauchzen kann nicht nur von der Liebe kommen. Nähe und Verletzlichkeit zulassen kann man auch bei den Eltern oder Geschwistern. Du gibst meinem Herzen Mut / Du tust meinem Herzen gut. Aus dem Stehgreif könnte ich Menschen benennen, auf die das zutrifft, die aber nicht die Liebe sind. Sondern anders wichtig. Schön, dass Alin Coen derartig Zwischenmenschliches in Musik transformiert. Und dies stets in wunderschönsten klaren Harmonien! Man kann sich schnell in dieses Album fallen lassen.
Ein für das gesamte Gewandt des Albums beinahe unübliches Lied ist Held, da hier nicht nur Klavier, gezupfte Gitarren und klarer Gesang dominieren, sondern die Gitarren leicht aufgedreht werden. Tut dem Album sehr gut, um nicht zu zerbrechlich zu sein. Das Verspielte im Refrain, das Temporeiche, ja, Energische ist ein toller Effekt und auf etwa der Hälfte der 37 Minuten klug platziert.


Nah ist ein Album, was ganz herausragend als Ganzes funktioniert. Ich bin eh ein Album- statt Playlistenhörer. Und es ist von vorne bis hinten extrem rund, gut aufgebaut. Es erschüttert und deckt gleichsam zu. Es geht irre nah, da verspricht der Titel nicht zu viel. Daher sei nur noch ein Lied hier erwähnt - es sollte klar sein, dass das hier eine sehr große Empfehlung ist, eine toller Kandidat für das Album des Jahres! Der Schluss ist mit Ultimatum nochmal ein musikalisch großartig arrangiertes Lied! Wie mit Höhen, Tiefen, Klavierläufen, Cello etc. gearbeitet, ja, gespielt wird, beeindruckt ganz stark. Auch textlich schwingt es zwischen fester, entschlossener Liebe und all den Zweifeln, die stets damit verbunden sind. Nein, Alin Coen ist nicht nur eine herausragende Songwriterin von der Kombination Wort und Ton, sie ist auch eine Poetin, die auf diesem Werk Großes geschaffen hat, das berührt, sticht und doch immer wieder gut tut.

Nah erscheint am 28. August auf Pflanz Einen Baum.
Hoffen wir, dass ihre große Tour im kommenden Jahr stattfinden wird. Wir werden da sein!

24.08.20 Köln, Jugendpark (Silent Concert auf der Summerstage)
29.08.20 Hamburg, Knust (Lattenplatz)
20.04.21 Magdeburg, Moritzhof
21.04.21 Erlangen, E-Werk
23.04.21 Dresden, Alter Schlachthof
24.04.21 Erfurt, HsD Gewerkschaftshaus
25.04.21 Essen, Weststadthalle
26.04.21 Köln, Gloria
27.04.21 Saarbrücken, Garage
29.04.21 Leipzig, Täubchenthal
30.04.21 München, Technikum
01.05.21 Stuttgart, Im Wizemann
02.05.21 Karlsruhe, Tollhaus
03.05.21 Frankfurt, Batschkapp
05.05.21 Osnabrück, Lagerhalle
06.05.21 Oldenburg, Kulturetage
07.05.21 Rostock, Mau-Club
08.05.21 Lübeck, Riders Café
09.05.21 Hannover, Pavillon
11.05.21 Hamburg, Docks
12.05.21 Berlin, Festsaal Kreuzberg

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