Freitag, 17. Juli 2020

KW 29, 2020: Die luserlounge selektiert

Bild: http://web29.co.in/
(ms/sb) Wir müssen über Mode sprechen. Oder über Trends. Bei der ARD gibt es eine sehr sehenswerte Doku über die Sneaker-Szene. Ein irrer Markt. Das war mir in dem Ausmaß nicht bewusst. Da campen Leute vor Läden, um einen Schuh (!) zu kaufen. Aber nicht um ihn zu tragen, das wäre Wahnsinn. Entweder wird er ins Regal gestellt oder für einen noch irreren Preis weiter verkauft. Das fand ich beinahe erschreckend. Krank. Ich trage auch gern gute Schuhe. Aber ich trage sie. Und irgendwann sind sie durch. Punkt.
Jetzt sollte man sich natürlich immer an die eigene Nase fassen, bevor man austeilt. Derzeit packe ich Kartons für einen Umzug. Da müssen natürlich auch alle Bücher, CDs und Platten rein. Schönes Hobby. Leider auch sehr schweres Hobby. Ein gutes, gelesenes Buch verkaufen? Niemals! Ausleihen? Ungern, nur wenn keine Gebrauchsspuren entstehen. Mehrwert? Keiner, nur ideell. CDs verkaufen mit Gewinn? Okay, guter Scherz. Bei Vinyl ist das was anderes. Die ein oder andere limitierte Platte steht schon im Regal, aber sie laufen auch mehr oder weniger regelmäßig. Bei Discogs kann man ja nachsehen, was das gerade wert ist. Doch verkaufen?! Niemals! Nie würde ich diese schönen, haptischen Dinge aus der Hand geben. Daher kann ich die Beweggründe bei den Schuh-Menschen ansatzweise nachvollziehen. Doch: Es sind Schuhe. Ja. Unten, an den Füßen. Das, was mich vom Asphalt trennt. Design als kulturelles Kapital. Ich ordne Musik als höhere Kunstform ein. Persönliches Urteil. How about you?

Back to business. Musik. Luserlounge. Freitag. Wir haben uns durchgehört und selektiert! So!

Herr Rauch
(sb) Sportlehrer aus Leidenschaft - was für ein grenzgenialer Name für eine EP (VÖ: 31.07.), auch wenn er sich selbst anhand der fünf Tracks auf der Scheibe nicht erklären lässt. Egal, das Interesse ist geweckt und bereits der erste Song Kaffee Schwarz ist so vereinnehmend, dass es fast eine Frechheit ist. Wer kennt es nicht, das Gefühl an einem Montag Morgen, wenn einem alles schon wieder viel zu viel ist und das kommende Wochenende samt all seiner Freiheiten eine Ewigkeit entfernt scheint? Salz In der Luft ist Liebe pur, Pogo und Ballett hingegen lässt die Glieder zappeln und versetzt den Hörer unweigerlich in einen kleinen, stickigen Konzertraum, dessen Wände tropfen. Auf Wann Wurde Ich Alt folgt zum Abschluss noch Leider Wein, eine Ode an die Grausamkeit, der Fahrer zu sein, wenn alle anderen saufen dürfen. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit als "kulinarische Einschränkung" abzutun und gleichzeitig auf Basis eines griechischen Volksliedes unverschämt tanzbar zu machen, ist ein Ereignis, das man erlebt haben sollte. Herr Rauch, das ist ganz großer Sport! Und natürlich Leidenschaft - und da schließt sich dann auch wieder der Kreis zum Titel der Scheibe...


Zugezogen Maskulin
(ms) Auch bei der dritten Singleauskopplung von Zugezogen Maskulin steht die Frage im Raum: Beenden Grim104 und Testo mit ihrem kommendem Album 10 Jahre Abfuck die gemeinsame Karriere? Nehmen wir an, dieser bedauernswerte Fall für die hiesige Rap-Landschaft tritt ein, dann wird er mit Sommer Vorbei zusätzlich angefeuert. Das ergibt sich zum einen aus dem Titel. Doch auch im Text, in den Parts von beiden, wird in genau diese Kerbe gehauen, wenn sie vom letzten Abendmahl, Beerdigung oder dem letzten Dosenbier sprechen. Hach. Selbstredend geht es nicht nur um eine Jahreszeit, sondern auch im das Lebensgefühl. Wird das echt ein knallhartes, thematisches und konzeptionelles Abschiedsalbum? Das wäre schon bitter. Aus meiner Warte heraus muss das gar nicht sein. Man kann sich auch auflösen und thematisch unabhängig davon die Platte veröffentlichen. Vielleicht wollen die beiden Wahl-Berliner ja aber auch einen Abgang mit dem größtmöglichen, doppelbödigen Kitsch hinlegen. Zuzutrauen wäre es ihnen. Dazu passt natürlich auch der etwas melancholische Ton des Tracks, die gewisse Langsamkeit. Ciao Ciao. Winke Winke. ZM - bitte bleibt noch bei uns! Ich gebe die naive Hoffnung nicht auf. 


Lang Lang
(ms) Wir reisen mal eben 260 Jahre in die Vergangenheit. Nach Leipzig. Kategorien wie Ost und West waren damals völlig fremd, Deutschland war ein irrer Flickenteppich aus Herzog-, Fürsten- oder Königtümern. Und in Leipzig in der Kirche arbeitete ein junger, extrem begabter Mann: Johann Sebastian Bach. Er war Kantor, erlangte postum Weltruhm. Bis heute trägt er heute einen der Namen der Klassik. 1741 erschienen erstmals gedruckt seine Goldberg-Variationen. Bis heute gelten die 32 Sätze als großes Klavierkunstwerk, an das man sich nicht eben so heran wagt. Doch einer tut das. Guten Gewissens. Ein junger Mann, der mindestens von genauso großem Ruhm umgeben ist: Lang Lang
Er ist ein absolutes Ausnahmetalent. Mit 3 Jahren (!!!) fing er an, Klavier zu spielen. Mozart-Style. Dies zog nicht nur eine extrem außergewöhnliche Biographie hinter sich her, sondern auch einen entsprechend irren Erfolg. Lang Lang mag der bekannteste Pianist der Welt sein. Behaupte ich einfach mal so. Logisch, dass er sich dann irgendwann die Goldberg-Variationen vornimmt. Das tat er. Am 4. September erscheinen sie via Deutsche Grammophon. Er selbst sagt über das Werk: "Das Stück lässt uns alles aus uns herausholen, was wir haben, aber auch alles, was wir nicht haben und noch lernen müssen." Die Spannung steigt also zurecht, wenn im September das Werk erscheint. So klingt das erste Stück:


The Beths
(sb) Es ist diese intensive Beiläufigkeit, diese konzentrierte Wurschtigkeit in der Stimme von Elizabeth Stokes, die The Beths so wahnsinnig interessant macht. Keine Frage: Die Neuseeländer erfinden das Rad des Indie-Rocks keineswegs neu, interpretieren ihn jedoch auf eine sehr angenehme Art und Weise. Die 90er sind zurück und klingen frischer denn je. Zehn Tracks umfasst Jump Rope Gazers (VÖ: 10.07.), jeder von ihnen weiß zu gefallen und dennoch fehlt so der ganz, ganz große Hit, der für den Durchbruch sorgen könnte. Klingt garstig, soll es aber gar nicht sein, denn ich höre das Album wirklich sehr gerne, da es so herrlich unaufdringlich und doch ansprechend ist. Vor einem Vierteljahrhundert war der Begriff "Slacker" mal recht geläufig (googelt das gerne mal, wenn Ihr es nicht kennt) und das ist der Soundtrack zur Einstellung. Deutlich besser als nur ordentlich.


Vlimmer
(ms) Liebe Leserin, lieber Leser. Was passiert, wenn man Joy Division, Drangsal mit einem Hauch Placebo und einer ordentlichen Portion Apokalypse im Schwindel zusammen mixt?! Ja, schwer zu sagen, oder? Aber extrem aufregend anzuhören. Als Band ist das nämlich Vlimmer! Die Basis bildet ein elektronischer Gitarrenklang samt Drumcomputer. Darauf tanzen Akkorde und Synthieflächen, die von einem tragenden Bass begleitet werden. Die Stimme darüber nutzt einiges an Effekten, die Stimmung erzeugen. Zumeist ist es Hall. Das ist die kleine nüchterne Beschreibung des Sounds. Wie wirkt das? Beklemmend, wie im Rausch. Unaufhaltsam, wie eine Achterbahn, aus der man nicht aussteigen kann. Oder ein alter, aber temporeicher Film in schwarz-weiß, wo der Täter von Anfang an bekannt ist und leise zuschlägt.
Es macht halt unglaublich neugierig zu wissen, was dahinter steckt. Denn der gesungene Text von Alex (Vlimmer ist sein Solo-Projekt) ist nicht immer ganz zu verstehen. Doch er ist nachzulesen. Denn Alex macht mit der heutigen Veröffentlichung einen großen Schritt Richtung Ende eines jahrelangen Projekts. Die Texte auf XIIIIII / XIIIIIII haben eine prosaische Grundlage. Die findet man HIER, es ist ein Buch, das er vor fünf Jahren fertig stellte. Es hat 18 Kapitel. Logischerweise zog dies auch 18 EPs hinter sich, die je 5 Tracks enthalten, um den Inhalt musikalisch wiederzugeben. Heute erscheinen Nummer 16 und 17. Bald ist der musikalische Zyklus beendet; der Autor überlegt zudem, das Buch neu aufzulegen. Eine derart enge Bindung aus Prosa und Musik ist mir noch nicht über den Weg gelaufen. Songs von Get Well Soon haben den Anschein große Geschichten zu erzählen, aber die eine (!) Quelle fehlt und Sven Regener vertont halt andere Storys. Ob Alex hier ein Alleinstellungsmerkmal gelungen ist, weiß ich nicht hundertpro. Aber ich vermute es. Die düsteren Lieder sind ein tolles, cineastisches Werk im Riesenformat. Lasst euch drauf ein, dann werdet ihr der Realität entrückt!


Mando Diao
(sb) Ende 2019 veröffentlichten Mando Diao ihr Album BANG, das wir mit gemischen Gefühlen aufgefasst haben. Die Richtung stimmte, die alte Stärke aber noch ein gutes Stück entfernt und doch recht viel Luft nach oben. Heute erscheint nun doch recht überraschend eine neue EP der Schweden und die fünf Tracks auf All The People lassen kaum Wünsche offen. Sehr stark, sehr melodisch, sehr gefühlvoll und stimmlich absolut überzeugend. Der Rock ist zugegebenermaßen etwas zu kurz gekommen, aber da sehe ich gerne darüber hinweg. Sie sind wieder da! Und die EP macht auch richtig Lust, in das kürzlich erschienene zweite schwedischsprachige Album I solnedgangen („Bei Sonnenuntergang“) reinzuhören, das in die Fußstapfen des in ihrer Heimat gigantisch erfolgreichen Vorgängers Infruset tritt, das eines der erfolgreichsten schwedischen Alben aller Zeiten ist (4-fach Platin).


Schönleben
(ms) Es gibt freitägliche Rubriken, die einen gewissen Charakter haben. In den letzten ein, zwei Jahren haben ruhige, meist am Piano gespielte Töne stark Einzug in dieses Format und das Projekt luserlounge erhalten. Zurecht. Großartig. Doch wir müssen auch ein wenig gegensteuern.
Ein Glück, dass es Schönleben gibt. Sie erfüllen für uns sie wunderbare Rubrik: Sich gepflegt anbrüllen lassen bei brettschwerem Gitarrensound. Noch besser wird es, wenn die EP Übungen Im Positiven Denken so gesehen gar nicht geplant war. Aber halt auch kein Ergebnis des Zufalls. Michael, Felix, Jan, Martin und Micha sind/waren in anderen Kombos unterwegs, hatten aber Bock. So haben sie sich getroffen, aufgenommen und gedacht: Ist gar nicht so schlecht. Würden wir so veröffentlichen. Und siehe da: Through Love Records haben beschlossen dem Quintett den Wunsch zu erfüllen. So sind die sechs Tracks plus Intro ab kommender Woche auf einer einseitigen 12" zu haben. Wie geil ist das denn?! Eine Liebe zur Musik, eine Liebe zu den Tönen. Eine Liebe zur Schallplatte. Der leicht verzweifelte Gesang, der aus voller Kehle kommt, das treibende Schlagzeug, die teils anklagenden Texte, der melancholische Hang in den Gitarren. Das klingt ein wenig nach Escapado und dem Besten, was Postrock zustande gebracht hat. Es weiß sehr, sehr zu gefallen! Endlich wieder Gebrüll. Auf geht's: Schönleben!


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