Freitag, 3. Juli 2020

KW 27, 2020: Die luserlounge selektiert

Bild: facebook.com/27Boutique/
(sb/ms) Kalenderwoche 27 - Kinners, wie die Zeit vergeht! Man ist heutzutage ja schon froh, wenn es keine herausragende Katastrophenmeldungen gibt, die als Aufhänger für die Selektion herhalten muss. Diese Woche war für uns zwei luserlounger in erster Linie durch Berufsstress geprägt: der eine kam frisch aus dem Urlaub und 3 1/2 Monate Telearbeit zurück ins Büro, der andere musste sich auf seine Abschlussprüfung vorbereiten und hat diese nun endlich (erfolgreich) hinter sich gebracht. Hurra!

Was war sonst? #blacklivesmatter ist Gott sei Dank noch immer sehr aktiv und entlarvt auch hierzulande auf erschreckende Weise den omnipräsenten Alltagsrassismus. Zu dem Thema möchten wir Euch gerne nochmal das äußerst lesenswerte Buch Ein Neger darf nicht neben mir sitzen von David Mayonga (besser bekannt als Rapper Roger Rekless) ans Herz legen - lesen und verstehen! Passend dazu auch die immer wieder aufkeimende Diskussion um diverse Firmennamen und Logos, z.B. Sarotti, Uncle Ben's oder die Vorarlberger Brauerei Mohren. So bitter, dass man sowas im Jahr 2020 echt noch diskutieren muss...

So, jetzt aber Musik. Es ist Freitag. Die luserlounge selektiert.

Oma Oklahoma
(sb) Verzweiflung kann so großartig klingen! Ich habe keine Ahnung, ob und wie weit Oma Oklahoma nach deutschprachigem Emo klingen wollten, aber genau so stelle ich mir das Genre vor. Punk-Melodien und emotionale Texte, die Betrübtheit, Ohnmacht und Aufbruchstimmung transportieren - die Normalnull EP (VÖ: heute!) der Hamburger lässt kaum erahnen, dass es sich um einen Debüt-Relase handelt. Das klingt schon sehr gekonnt und professionell, was Oma Oklahoma da abliefern. Die leuchtend orangene Vinylversion bringt das Trio selbst heraus und zeigt den DIY-Spirit und das Herzblut, das in dieser Band steckt. So ist das Artwork jeder Platte ein Unikat und auch das Video zur ersten Single Straßen ist im wahrsten Sinne Handarbeit: Das Video im Comic-Stil besteht aus mehr als 1.200 einzeln gezeichneten Bildern!


Entropy
(sb) Wenn aus Spaß Ernst wird, kommt nicht immer was Gutes dabei raus - anders bei Entropy! Ursprünglich war die Band als reines Nebenprojekt angedacht, nahm dann aber so dermaßen Fahrt auf, dass sie zu einem Selbstläufer wurde und alles andere beiseite drängte. Laminal, das am 21.08. erscheinende Debüt-Album der Hamburger, ist aber auch ein brutales Brett. Ich fühle mich an Helmet und Clutch erinnert, der Indie-, Stoner- und Hardcore-Einfluss der 90er ist jedenfalls nicht zu überhören. Auch wenn der Review hier in der Selektion leider sehr kurz und bündig ausfällt, für mich bisher eins der überraschendsten und besten Alben des Jahres 2020, das ich mir sicher noch des Öfteren reinziehen werde. Augen und Ohren offen halten und im August unbedingt kaufen!


Brudini
(sb) Am 02. Oktober veröffentlicht der in Norwegen geborene und mittlerweile in London ansäßige Künstler Brudini sein Debütalbum From Darkness, Light. Seine neue Single Radiant Man, die sich bei seinen Live-Shows als wahrer Publikumsliebling entpuppte, entfaltet sich wie eine griechische Tragödie: ein Protagonist mit guten Absichten, der immer weiter kämpft, auch wenn er mit voller Wucht durch die Mühlen des Lebens gedreht wird und sich mit vielen Unwägbarkeiten auseinandersetzen muss. Klingt alles durchaus ein bisschen schnulzig, aber halt auch gut gemacht.


Conny Plank
(ms) Einer der Gründe, weshalb wir so gerne diesen kleinen Blog betreiben ist, dass über Musik zu schreiben, sprechen, denken immer wieder auf Neue eine großartige Herausforderung und eine irre Freude ist. Unabhängig vom Genre, aufrecht und originell muss es sein. Einzigartig und die Menschen hinter der Musik müssen klar und passioniert sein.
Ein ganz wichtiger Protagonist, mitnichten nur in der hiesigen Musiklandschaft, war Conny Plank. Tontechniker, Passionierter, Produzent mit irren Reputationen. Vielleicht war er der wichtigste Produzent der 70er und 80er Jahre. Denn er hat die ganz frühen Kraftwerk, die Scorpions, DAF, Ultravox, Eurythmics, NEU! oder auch Gianna Nannini produziert. Und das alles auf einem unglaublich urigen und fernab jeglicher Zivilisation gelegenen ehemaligen Bauernhof im Kölner Umland. Plank war ein Visionär, ein Unkonventioneller, ein leidenschaftlicher Raucher und zwiespältiger Familienvater. Genau das wird in der extrem sehenswerten Doku über ihn ein wenig bekannt, die von seinem Sohn gemacht ist. Stephan Plank ist viel gereist und sprach mit spannenden Gesprächspartnern über das Leben seines Vaters, der Produzentenlegende vom Bauernhof. Dies ist nicht nur eine Aufarbeitung eines Familienverhältnisses, sondern in erster Linie ein ganz feines, sehr gut recherchiertes Portrait eines mutigen, pfiffigen und unerschütterlichen Musikgeistes.

Hier in der ARD Mediathek lässt sich die Doku ansehen. Große Empfehlung!

Moscow Death Brigade
(ms) Redensarten erzeugen stets einen unterschiedlichen Effekt, je nach dem aus welchem Mund sie (wie häufig) kommen. 'Es gibt nichts, was es nicht gibt' ist wahr, aber halt auch irgendwie platt. Finde ich in sofern nicht, da meine Großeltern das gerne mal gesagt haben. Und das fand ich als Knirps immer ganz witzig. Wenden wir diesen ollen Spruch auf die Welt der Töne an, ist das auch offensichtlich. Die Tage habe ich ein Video gesehen, wo auf der Bühne zu Metalmusik gestrickt wurde. Nur mal so.
Ganz so schrill wird es hier nicht. Aber. ABER! Die Formation Moscow Death Brigade macht nichts geringeres als russischen, linken Trap im Mix aus Hardstyle, Hardrock und Eurodance. Also irgendwie geil und irgendwie wahnsinnig verschroben und aus der Zeit gefallen. Als ob Waving The Guns und Paul Elstak zusammengetroffen sind.
Doch zu meiner absoluten Verwunderung passt das herausragend zusammen. Es macht Bock, treibt nach vorne, erzeugt Stimmung, man möchte besoffen Seilspringen oder so. Und: Der harte, wilde Sound hat eine sanfte, frohe Botschaft: Es geht in Never Walk Alone um Zusammenhalt und Freundschaft. Zwischen Moshpit und Circle of Love ist hier alles drin. Ab geht's:


Krakow Loves Adana
(ms) 1. Regelmäßigen Lesern dieses Blog müssen wir das Paar aus Hamburg eigentlich nicht mehr vorstellen. Robert und Deniz sind Krakow Loves Adana und machen herrlich eigenständige Indiepopmusik zwischen melancholischen Gitarrennummern, die mittlerweile ein stärkeres 80s-Retro-Flair in elektronischem Gewand bekommen. 2. Das Duo feiert dieser Tage das 10-jährige Jubiläum ihrer ersten Platte Beauty. Da im Herbst auch direkt eine neue Platte Darkest Dreams rauskommt, ist Folgendes eine weitere Perle, um die Wartezeit zu verkürzen: Mit Faces Replaced kommt jetzt eine völlige Neubearbeitung der damaligen Single Porcelain raus. Die neue Version schwankt zwischen milder Traurigkeit und Mut zu Tanzen. Unbedingt anhören und gerne auch die beiden unterstützen. Denn 3. haben Deniz und Robert sich letztens via Facie klar dazu positioniert, wie verrückt und absolut unverantwortlich es ist, im September das Reeperbahn Festival stattfinden zu lassen. Mit weniger Zuschauern, aber dennoch sollen ein paar Tausend Besucher und Köpfe aus der Branche über die Hamburger Flaniermeile tingeln. Krakow Loves Adana wären auch Teil des Line-Ups. Doch Haltung zeigt, dass Profitstreben im Musikbusiness auch zu weit gehen kann. Logisch, vielen Künstlern und Clubbetreiberinnen fehlt es gerade vorne und hinten an Geld. Das ist grausig und schlimm. Doch in einer wackeligen Lage, in der wir uns immer noch befinden (Blick nach Gütersloh), ist ein Event wie das RBF völlig fern der Realität. Dann kauft doch lieber die Platten des Duos. Es lohnt sich sehr!

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