Freitag, 26. Juni 2020

KW 26, 2020: Die luserlounge selektiert

Quelle: miscw.com
 (ms) Sprache erzeugt Realität. Das wissen wir ja seit Wittgenstein alle. Eine große Leitlinie im Feminismus. Und meistens hat das irgendwie negative Auswirkungen, statt positiven Schwung. Und derzeit geht mit der Sprachgebrauch coronabedingt auf den Sack. Coronabedingt. Was für ein Müllwort. Wegen Spaß oder Lust auf Destruktion wurden ja sicher nicht im März und April die Läden und Schulen geschlossen. Ausnahmezustand?! Achso, da war ja was! So eine unglaublich offensichtliche Selbstverständlichkeit zu versprachlichen halte ich für Quatsch. Sinnbedingt. Doch noch größerer Unsinn ist ja: In Zeiten von Corona. Ich krieg' 'nen Fön! Was soll das denn nun wieder bedeuten? Was für ein hohler Quatsch! In Zeiten von Ende Juni. In Zeiten von großem Bierdurst. In Zeiten von in Zeiten von. Was soll denn dieser Plural da? Diese Verklausulierung klingt halt auch so, als ob das schon abgeschlossen sei, wie ein Rückblick. Doch in Zeiten von Leiharbeitsverträgen oder in Zeiten von idiotischen Ignoranten einigt man sich wohl auf relativ sinnbefreite Formulierungen. 

Sprachaufregung aus. Musik an. Luserlounge. Freitags. Kleinste Selektion in unserer Geschichte. Freizeitmangelbedingt. 

Jónsi
(ms) Als vor wenigen Wochen der Track Inhale samt Video herauskam und zum Staunen und Genießen einlädt, verfasste ich bereits eine enorm subjektive, verträumte, unkritische Liebeserklärung an Jónsi. Und ich wiederhole mich hier sehr, sehr gerne. Denn nun legt er mit Swill nach - ein weiterer brandneuer Song des Sigur Rós-Kopfes. Dass es hier elektronischer, wilder, unbändiger zugeht als auf dem vorherigen Lied, ist kein Wunder. Seit längerer Zeit neigt Jónsi gern dazu mit anderen KünstlerInnen zu kooperieren, deren Wurzeln eher im elektronischen oder DJ-Segment beheimatet sind. Doch er entfernt sich nie von einem eigenen Kern der Musik. Erzeugen die Töne am Anfang schon ein gewisses Staunen, bauen sie sich anschließend perfekt in die Klangstruktur ein. Das ist große Klasse, sensible Kunst. Dazu erscheint erneut ein äußerst sehenswertes Video; nun gut, die 3D-Animationen sprechen mich nicht an, doch die Ausschnitte, in denen sein Gesicht mit all den grabbelnden Händen groß im Fokus steht, sind schon beeindruckend. Sie passen zum Klang; mal ungewöhnlich, aber auch nah gehend, intim, beweglich. Klar, es ist auch ein poppiger Track, so etwas gäbe es unter Sigur Rós nie, nur sehr, sehr schwer vorstellbar. Es fehlt das Sphärische, wirklich Berührende, zum Himmel Reckende. Diese Balance zwischen Band (die Hoffnung auch dort auf neues Material enden nie) und Solo gelingt Jónsi erstaunlich gut. Es ist eine ganz klar erkennbare andere Zielsetzung zu hören. Im Soung und selbstredend im Gesang auf Englisch. Kein Isländisch, kein Vonlenska.
Doch es wird immer besser: Zusätzlich mit Swill hat er am Mittwoch auch angekündigt, am 2. Oktober ein neues Album zu veröffentlichen. Es soll Shiver heißen und die Tracklist verspricht zwei islänischsprachige Lieder. Zudem können wir uns auf Kooperationen mit Liz Fraser und Robyn freuen. Holla! Kaum hat der Sommer so richtig deutlich begonnen, kann ich die Vorfreude auf den Herbst kaum noch im Zaum halten!


Iris Romen
(ms) Reisen wir von 2020 weit zurück. So in die 40er oder 50er-Jahre. Und am besten in die Staaten, einmal über den Teich. Alles ist schwarz-weiß. Die Autos sind klobig, aber irgendwie haben sie Stil. Die Männer tragen stets Anzug, die Damen feine Kleider. Die einzige Möglichkeit an neue Musik zu kommen ist das Radio - riesengroß steht es im Wohnzimmer. Oder ein geschmackvoller Kellerclub, wo die angesagten MusikerInnen auftreten. An der Straßenecke steht ein Junge und preist das aktuelle Extrablatt an mit den Worten: "Kaufen Sie Romen! Neues Album der Holländerin! Swingen und tanzen Sie!" Oh yeah! Denn wenn Late Bloomer durch die leicht knarzigen Boxen stromert, kann man sich nicht mehr sitzend halten. Die elf Tracks auf dem geschmackvollen Album sind nicht nur Tanzlieder. Es sind auch Swinglieder, Umarmlieder und Schmunzellieder. Das liegt zum Einen an der herrlich entspannten Instrumentierung. Moderne Songs in diesem feinen Gewand der 40/50er ist bestechend süchtig machend. Zum Anderen liegt es an der Stimme von Iris Romen. Selbst, wenn man sie (noch) nicht kennt, hört man, dass hinter dem Mikrofon eine Dame steht mit einem nie endenden Grinsen, mit feinen Grübchen, die das Leben leicht und locker nimmt. Die wenig schwere Gedanken zulässt, lieber die leichten in den Vordergrund stellt und diese auf ihr Umfeld, auf ihre Musik überspringen lässt. Das wiederum findet auch in den Texten. Nehmen wir zwei Beispiele (die anderen Lieder überzeugen genauso schnell): Filmriss ist vielleicht das beste Lied, das den Geist der Mitte des letzten Jahrhunderts wiederspiegelt. Gewollt unperfekter Sound, eine unterhaltsame Geschichte, eine Atmosphäre, die Genuss und feines Tanzschuhwerk suggeriert. Noch ein wenig verschmitzter wird es auf Elevator Boy. Logisch, Musik und Humor ist ein heikles Thema. Viele scheitern. Wenige gehen da mit erhobenem Haupt raus. Iris Romen tanzt da raus, ganz locker, leicht, auf sonnigen Wolken getragen, schildert sie den Job des Fahrschuljungen. Filmromantik, Nostalgie - ohne Schwermut. Die Niederländerin veröffentlicht heute ein feines, kurzweiliges Album - eine herrliche Empfehlung. Kratzt eure letzten Münzen des Monats zusammen, unterstützt die Plattenhändlerin eures Vertrauens und dann schwingt ihr frohen Mutes ins Wochenende. Versprochen! Also: Kaufen Sie Romen!



Albrecht Schrader
(ms) Reisen wir nochmals woanders hin. Zurück in dieses Jahr, zu diesem Tag, denn heute erscheint ein weiteres, bemerkenswertes Album. Es spielt zwischen Elbchaussee, Eigelstein, Selbstfindung und Golfplatz. Denn Albrecht Schrader hat uns eine Geschichte zu erzählen - seine Geschichte. Das Album Diese Eine Stelle ist der Rückblick aufs Älter- und Größerwerden eines Mannes Ende dreißig, mit dem das Schicksal einiges vorhatte. Das Schöne an diesen 40 Minuten: Es geht halt nicht (zumindest nicht ausschließlich) um das Verarbeiten einer belastenden, vergangenen Liebe, exzessiven Drogenmissbrauch oder einer politisch-persönlichen Utopie. Schrader berichtet uns auf seinen Liedern, wie es war in sehr gut situierten Verhältnissen Hamburgs groß zu werden und was das mit einem macht. Ja, der Vorname kommt nicht aus irgendeinem Milieu. Geschichten von Polohemdnachmittagen auf dem Golfplatz, einer bezaubernden Liebeserklärung (im weitesten Sinne) an die Elbchaussee und der wichtigen Aussage, dass Blankenese eigentlich zu Altona gehört! Doch auch seine Kölner Zeit lässt er mit einfließen (Eigelstein). Vier Jahre nach der Leben In Der Großstadt-EP und dem Album Nichtsdestotrotzdem zeigt sich der ehemalige Kopf von Böhmis Rundfunktanzorchester reifer und angekommener in der musikalischen Szene hierzulande. Denn diese wunderbaren Geschichten mit Alleinstellungsmerkmal (Wir Sind Die Eliten) erscheinen in einem Songwriting, das hie seinesgleichen sucht. Es ist sanft, edel und verschmitzt. Durch viele Zeilen scheint ein subtiler Humor, der hängen bleibt (Mein Privileg steht mir im Weg...); nach längerem Nachdenken fällt mir nur Roland Meyer de Voltaire ein, der zumindest einen ähnlichen Sound kreieren könnte. In kreativer Hinsicht ist Schrader da natürlich in allerbester Gesellschaft. Wir gratulieren dem Wieder-Hamburger für eine reife, sehr runde Platte, die ihre Position in der Musiklandschaft sicherlich erst noch finden muss.

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