Freitag, 5. Juni 2020

KW 23, 2020: Die luserlounge selektiert

Bild: idieyoudie.com
(sb/ms) Heute an dieser Stelle kein Quatsch.


George Floyd wurde getötet.


Black Lives Matter.


Wir haben trotzdem selektiert. Los gehts:



Camu
(sb) Rockmusik aus Finnland hat ja traditionell einen guten Ruf und ja, auch ich höre gerne die ein oder andere Band aus Suomi. Aufgewachsen mit Waltari, dann Apocalyptica und zuletzt Flesh Roxon - immer wieder schaffen es Acts aus dem hohen Norden, mich zu überzeugen. Auch Camu sind auf einem guten Weg dazu, denn ihre Debütsingle Bamboo Road (VÖ: heute!) macht keine Gefangenen, klingt zeitweise fatal nach gutem, altem 80er Jahre Hardrock und versprüht richtig gute Laune. Auf gehts, her mit dem Album, lasst uns nicht zu lange warten!


Run The Jewels
(sb) Legenden. Fucking Legenden! Ja, das sind sie. Jetzt schon! El-P und Killer Mike waren nicht nur Szenekennern bereits vor der Gründung von Run The Jewels ein Begriff, als Hip Hop-Duo haben sie ihr Lebenswerk jedoch jetzt bereits gekrönt und auch ihr viertes Album RTJ 4 wird ihren Ruf als Big Player im Business völlig zurecht manifestieren. Da pumpt jeder Beat, da passt jeder Reim und textlich sind die beiden ja ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Gerade jetzt, wo (nicht nur) die USA durch den gewaltsamen Tod des dunkelhäutigen George Floyd mal wieder in ihren Grundfesten erschüttert werden, erscheint die Musik von Run The Jewels nahezu wie der Soundtrack zum Widerstand. Nicht umsonst ist Rapper Killer Mike bereits seit Jahren politisch engagiert und als Aktivist selbstverständlich auch aktuell im Einsatz und ein begehrter Gesprächspartner für die Medien. RTJ 4 besticht durch seinen konsequenten Oldschool-Charme, pointierte und doch messerscharfe Lyrics und nicht zuletzt durch die Riege an hochkarätigen Gästen. So sind unter anderem Josh Homme (Queens Of The Stone Age), Zack de la Rocha (Rage Against The Machine) und Pharrell Williams zu hören und verleihen dem Album durch ihre pure Anwesenheit eine durchaus spürbare moderne und alternative Note. Ich höre normalerweise ja quasi gar keinen US-Rap, aber das Ding wird sicher noch das ein oder andere Mal laufen, denn auch hier gilt: Qualität setzt sich am Ende durch!
Ursprünglich war die Veröffentlichung des Albums für heute vorgesehen (physisch am 18. September), aufgrund der aktuellen Situation in den USA haben Killer Mike und El-P die Veröffentlichung jedoch auf vergangenen Mittwoch vorgezogen und bieten das Album auf ihrer Website zum Gratisdownload an!


Baits
(sb) So, mal kurz zurücklehnen und diesen PR-Text genießen:
"Baits are having a good old time und laden mit „Amy“ zum Instant-Headbangen ein. Im Video zur neuen Single verschmelzen Outtakes mit Grunge-Rock-Liveenergie, Haar-Instastories mit Stupid-Faces-Backstage-Romantik und 80s Look mit dem Ist-Zustand. Selbst-Verneinung oder Fremd-Bejahung, Sucht oder Rehab? Headbang oder Bodyslam? no no no."
Würdet Ihr Euch sowas dann freiwillig anhören? Seht Ihr, wir schon... Und es hat sich gelohnt, denn Amy (VÖ: heute!) ist so dermaßen übercool und rotzig, dass der Track seitdem rauf und runterläuft und selbstredend in jede verfügbare Playlist aufgenommen wurde. Die Baits lassen den Grunge wieder aufleben, der mich durch meine Jugend begleitet hat und der auch heute noch einen beachtlichen Teil meiner Musiksammlung ausmacht. Damals wären die Wiener vermutlich gar nicht groß ausgefallen, heute sind sie mit ihrem Sound im wahrsten Sinne des Wortes alternative und ragen so aus der Masse heraus. Bin sehr gespannt aufs Album Never Enough, das demnächst folgen wird.

 
L.A. Salami
(ms) 7 Tracks, 44 Minuten. Sehr hohes Niveau, extrem toller Abwechslungsreichtum! 
Die ersten Takte von The Cage erinnern schon an eine unglaubliche Lässigkeit von The Streets. Wenn sein Gesang dann noch einsetzt, verfestigt sich sogar dieser Eindruck. Das schaffen wirklich nicht viele. Mike Skinner ist immerhin eine riesige Referenz! Und zumindest auf diesem Track kommt L.A. Salami dem sehr nahe. Stark. Hört man sich dann durch das ganze Album A Cause Of Doubt & A Reason To Have Faith bleibt dieser Vergleich nicht mehr aufrecht. Kann er auch gar nicht bleiben, denn das ist nicht nur alternativer Rap, sondern spielt mit Elementen aus Soul und Indiepop, die phasenweise an die wunderbare Melancholie von Damon Albarns Solo-Album Everyday Robots erinnert. Dazu gesellt sich ein Sound, der irgendwie an die Artic Monkeys erinnert.
Halten wir fest. Lookman Adekunle Salami, so sein ganzer, echter, bürgerlicher Name, schafft es auf einer Platte solche Vergleiche heraufzubeschwören. Dieses Niveau zieht sich durch alle Tracks. Egal, ob sie über zehn oder 4:45 Minuten lang sind. Immer wieder arbeitet er mit Hörspiel-Eindrücken und Snippets, die in die Lieder integriert sind. Dauert The Cage als Single 3:11 Minuten, sind es auf der Platte fast acht!
Richtig stark: Dieses Album (VÖ. 17. Juli) kann hervorragend nebenbei gehört werden. Doch für die wahre Auseinandersetzung benötigt es Ruhe, vielleicht ein kühles, zum Abschweifen neigendes Getränk und Muße. Großer Wurf!
Und nehmen wir uns nochmal kurz die Zeit und lesen den Titel der Platte: A Cause Of Doubt & A Reason To Have Faith! Was eine Ansage!


Nax
(ms) Zugegeben: Mit Alternativerock aus Südamerika kenne ich mich nicht aus. Ich will nicht falsch verstanden werden: Ich weiß nichts darüber. Absolut gar nichts. Würde man mich spontan nach einer Band aus Argentinien befragen, hätte ich keine Antwort parat. Gut, dass die Wege manchmal auch anders herum gehen. Nax aus Buenos Aires haben uns angeschrieben und wir berichten natürlich gerne! Am 15. März ist ihr aktuelles Album Congelado erschienen, das so viel wie 'Erfroren' bedeutet. In den zehn kurzweiligen Songs ist ein Mix aus The Smiths, Joy Division und ein wenig Editors zu hören. Die Südamerikaner setzen auf breit gefächerte Gitarren, anziehendem Tempo und geizen nicht mit elektronischen Elementen zur richtigen Zeit. Neben einigen tanzbaren Stücken (Celebrar Aniversarios) haben sie auch keine Furcht davor balladeske Stücke zu garnieren, aber nur bis eine unerwartete Gitarre hineinstürzt (Haceme Olvidar)! Da ich vom Text nichts verstehe, bekomme ich durch den mitunter temporeichen Klang nicht den Eindruck, dass hier irgendwas erfroren sei. Im Gegenteil! Es herrscht zwar mitunter eine leichte Melancholie, doch es geht munter nach vorne. Ein bisschen Urlaub fürs Gehör!


SOHN
(ms) Live-Alben mit Orchesterbesetzung sind prinzipiell schon mal geile Ideen. Alles wird dichter, stimmungsreicher, der qualitative Aspekt wird ein paar Ebenen nach oben gelegt. Eine irgendwie künstlerisch-gediegene Atmosphäre entsteht. Manchmal auch etwas bieder. Aber immer mit einem feinen Mehrwert versehen. Tragender. Oft sogar ein bisschen ruhiger.
Es kommt tatsächlich auch darauf an, woher die musikalische Vorlage kommt, also von welchem Genre wir sprechen. Bei SOHN sprechen wir von elektronischer Musik, die betrübend melancholisch und energetisch tanzbar sein kann. Facettenreich. Daher super interessant. Seine beiden Alben Tremors und Rennen sind wirklich stark, laufen ab und an dann sehr lautstark bei mir daheim. Nach lediglich zwei Alben ein Orchester-Live-Album zu produzieren und veröffentlichen ist natürlich gewagt. Doch bei Live With Metropole Orkest gelingt es auf brilliante Art und Weise. Die Arrangements sind so fein und enorm intensiv, dass es zwingend zum Tanzen animiert. Christopher Taylor ist nichts nur ein vielschichtiger Musiker, sondern seine klare, stabile, nah gehende Stimme erlangt hier nochmals neue Qualität! Stark! Richtig stark!


NZCA LINES
(ms) Je länger das ganze geht, desto größer werden die Sehnsüchte nach ausschweifender Freizeitgestaltung. Endlich mal wieder abends mit den Besten losziehen, Geld und Zeit spielen keine Rolle, die Straßen sind voll mit Menschen, man hat keine Angst, anderen zu nahe zu kommen. Von Mundschutz keine Rede mehr. Und dann einfach tanzen. Augen zu. Loslassen. Go!
Zum Einstieg solch eines Abends läuft dann laut NZCA LINES. Trotz des etwas umständlichen Namens - und wie spricht man das denn überhaupt aus?! - präsentiert Michael Lovett hier super groovy, funky, leichtfüßige und sorglose Musik, die durch einen tanzenden Bass und eine 80s-String-Chord glänzt. Ja, das macht Bock. Hier fühlt man sich wohl! Prisoner Of Love heißt das Ding und ist seit gestern zu hören. Der Track ist Teil des Albums Pure Luxury (herrlicher Titel), das im Juli über Memphis Industries erscheinen wird. Bis dahin tanzen wir zu diesem Track daheim und träumen uns ganz weit raus...

1 Kommentar:

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