Freitag, 20. März 2020

KW 12, 2020: Die luserlounge selektiert


Bild: www.native-instruments.com/
(sb/ms) Klar, alles ungewohnt und schräg. Stark bleiben, sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Und kreativ werden.
Unsere geliebte Kulturszene hat unter den aktuellen Bedingungen natürlich ordentlich zu leiden; in den sozialen Netzwerken gibt es zahlreiche Ideen, wie man helfen, spenden, nicht zurückgeben kann. Für mich stünden bis Ende April auch fünf Konzerte an, alles weg. Aber es gibt ja glücklicherweise Alternativen. Im Netz. Bei einer war ich am Mittwoch Abend dabei. Da hat Nicholas Müller (von Brücken, ex-Jupiter Jones und nun solo unterwegs) eine feine digitale Begegnung auf die Beine gestellt. Als jemand, der immer wieder von starken Angstattacken heimgesucht wurde, hat Nicholas Müller auf die aktuelle Situation noch einen anderen Blick als die Klopapierverrückten. So hat er sich entschlossen zusammen mit dem Moderator Adam Riese und seiner Band, dem Neonorchester, einen Talk- und Musikabend auf die Beine zu stellen, wurde live bei Facebook übertragen und dauerte von 19 bis ca. 22 Uhr. Er sprach mit Experten über einen machbaren Umgang mit Angst und ließ viele wunderbare Künstler zu Wort und Stimme kommen. So haben Hannes Wittmer, Marcus Wiebusch, Thees Uhlmann, Lilly Among Clouds oder Fortuna Ehrenfelds Martin Bechler einen Song beigesteuert und kund getan, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.
Dabei ging es auch immer ganz ernst um die Wege, wie man sich informiert. Denn das kann massiv überfordern, stressen, einengen und kirre machen. So hat die Deutsche Angsthilfe diese Website an den Start gebracht, die zwei Mal am Tag mit geprüften Informationen versorgt. Morgens und Abends. Mehr braucht es nicht. Das ist eine wunderbare Idee und ich hoffe, dass sie genutzt wird.

Kommen wir zurück zur Musik. Es ist Freitag. Luserlounge. Quarantänelounge. Selektiert.

Maple & Rye
(sb) Folk aus Schweden scheint derzeit ja mal so richtig im Kommen. Den Kollegen A Choir Of Ghosts haben wir Euch ja schon des Öfteren vorgestellt, nun sind Maple & Rye an der Reihe und präsentieren sich als deutlich angenehmere Variante von Mumford & Sons (oder Manfred & Hans, wie wir sie redaktionsintern nennen). Überaus angenehme Stimmen und eine zurückhaltende Instrumentierung prägen Rebel's Run (VÖ: heute!), das Prelude zum bevorstehenden Album For Everything, das im Mai erscheinen soll. Wir sind gespannt - Ihr auch?



Mal Élevé
(sb) Es waren einmal die Irie Révoltés, diese unfassbar tolle Liveband, die in allerhand Sprachen (v.a. Deutsch und Französisch) ihre politisch überaus korrekte Message unters Volk brachte und jede Konzerthalle schwitzen ließ. Leider entschieden sich die beiden Brüder vor einigen Jahren, musikalisch getrennte Wege zu gehen. Cetcé legte auf Solopfaden mit seinem Album "Trojanisches Pferd" vor, nun zieht Mal Élevé mit Résistance Mondiale (VÖ: heute!) nach und direkt mal an seinem Bruder vorbei. Während Cetcé eher experimentell vorging, verlässt sich Pablo Charlemoigne auf Altbewährtes und macht dabei sehr viel richtig. Wie schon zu Bandzeiten, wird Mal Élevés komplettes Repertoire zwar vermutlich auch erst live wieder sein komplettes Potenzial offenbaren, textlich und gesanglich macht das aber schon jetzt sehr viel Spaß und lässt das Tanzbein vor Freude zittern. Tourdaten gibts leider aktuell keine - aus Gründen. Aber wenns dann mal so weit ist: hin da! Unbedingt!


SELIG macht SELIG
(sb) Meine erste große Liebe hieß Lisa. Damals, 1994. Wir kannten uns seit Kindheitstagen, seit sie 4 war und ich 6. Als wir uns zehn Jahre später wiedertrafen, wurden wir beste Freunde, verbrachten jeden Nachmittag miteinander, viele Abende und so manche Nacht - rein freundschaftlich wohlgemerkt. Kompliziert wurde es erst, als Gefühle ins Spiel kamen, wir uns aber nicht dazu durchringen konnten, es miteinander zu versuchen. Warum ich Euch das erzähle? Weil wir damals zusammen fast ausschließlich The Smashing Pumpkins und Selig hörten und vor allem Letztere uns mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum aus dem Herzen und aus der Seele sprachen. Und klar: Als es bröckelte, wurden zu Ohne Dich einige Tränen vergossen...
Jetzt, ein gutes Vierteljahrhundert später, gibt es Selig nach einer zwischenzeitlichen Trennung wieder und mit SELIG macht SELIG erschien am vergangenen Freitag eine Compilation, auf der namhafte Künstler sich an den größten Hits der Hamburger versuchten. Leider blieb es in den meisten Fällen beim Versuch und im Endeffekt reicht kein Cover ans Selig-Original heran. Während BAP (Glaub mir), Emma6 (Hey, Hey, Hey) und Wilhelmine (Mädchen auf dem Dach) immerhin originell und unterhaltsam rüberkommen, enttäuschen Madsen (Wenn ich wollte) und vor allem Philipp Poisel (Ohne Dich) auf ganzer Linie. Wirklich schade, dass eine so grandiose Idee so schlampig umgesetzt wurde und nicht mal ansatzweise das hält, was sie verspricht.
Und falls Ihr Euch fragen solltet, was aus Lisa wurde: Sie lebt heute in Indonesien und ist glücklich verheiratet.


Shybits
(ms) Wenn man so schaut und insbesondere hört, was so ein neuer Musik eintrudelt, dann ist das oft sehr glatt, weich, langweilig. Rotzig, unperfekt, dreckig ist anscheinend nicht mehr so gern gesehen im großen Pop-Business. Oder Rock. Egal. Die Angst vor Austauschbarkeit macht kreativ und endlich wieder dreckig. Zum Beispiel mit Shybits aus Berlin. Trotz Berlin entzieht sich die Musik jeglichem Hipster-Schrott. Zum Glück hat die Band auch keinen deutschen Namen, der mit Die... beginnt. Ein Signal, dass Müll lauert. Mit Skin Floats hat das Trio diese Woche einen neuen Track samt Video auf den Mark geworfen. Satter, treibender Bass, eine schön schrammelnde Gitarre, die auch mal gerne zurück koppelt und ein mitunter schepperndes Schlagzeug. Trotzdem bleibt es feinster Indierock, der enorm zugänglich ist. Hier ist ein schöner Drahlseitakt gelungen, der Bock macht.
Sie sind natürlich auch live unterwegs. Nur halt nicht jetzt. Daher speisen wir später, zu einem sichereren Zeitpunkt welche ein.



Myrkur
(ms) Man könnte relativ leicht sagen, dass die Dänin Myrkur ein bisschen New-Age-Folk-Gedöns macht, der sehr harmonisch, aber zu gewissem Teil halt auch kitschig ist. Aber schön kitschig. Und mystisch. Das in jedem Fall. Das macht die dänische Sprache irgendwie aus. Dazu das traditionelle Arrangement. Liefe dazu ein mittelalterlicher Fantasy-Quatsch, wäre das Bild perfekt.
So einfach ist es aber zum Glück nicht.
Und das hat mit der Geschichte der Dänin zu tun, der musikalischen Biographie. Sie hat mal auf Wacken gespielt. Hmm.. Ja... Okay, das mag nichts heißen. Da spielt mittlerweile ja ein durchaus eigenwilliger Mix aus Genren. Hört man in ihre frühere Musik hinein, wird einiges klar. Da wird kräftig drauf los gebrüllt, da sind die E-Gitarren metalmäßig fein aufgedreht und die Welt geht unter.
Die blüht jetzt wieder. Man fragt sich: Warum?! Weil sie Nachwuchs zu Hause hat. Mit dieser Geburt besann sie sich auf ihr eigenes Aufwachsen und wollte wieder sich den ruhigeren Tönen aus dem ländlichen Dänemark hingeben. Gelungen.
Heute erscheint ihr Quasi-Debut Folgesange; gleicher Name, vollkommen anderer Stil. Man muss sich ein wenig drauf einlassen, doch es weiß zu gefallen. Es ist ein Mix aus Der Hobbit und Michel aus der Suppenschüssel. Schön, mystisch, vielleicht nicht immer ganz ernst zu nehmen.

Doch wenn man derzeit schon nicht weg fahren darf, ist dies ein schöner Urlaub für's Ohr!



Hania Rani
(ms) Die Halbwertszeit von Musik ist je nach KünstlerIn, Stimmungslage, Jahreszeit und etlichen weiteren Faktoren doch sehr, sehr unterschiedlich. Doch für mich habe ich festgestellt, dass morgens entweder pulsierender Punk à la Pascow gut hilft oder halt ganz schüchterne, ruhige, sanfte Töne, die meine beginnende Wachheit sanft zu sich ziehen. Das kann Hania Rani sehr gut. Ihr aktuelles Album Esja läuft regelmäßig bei mir, gerne morgens oder zu sehr konzentrierter Arbeit. Und nur ein Jahr nach diesem wundervollen Wurf, legt sie nach. In unsicheren Zeiten ist das eine Menge wert. Nicht nur, dass man sich darauf verlassen kann, sondern auch, weil ihre Kompositionen und ihr feines Klavierspiel sehr zu beruhigen wissen. Das können viele Leute gut gebrauchen. Insbesondere vor und während des Einkaufens. Die junge Polin legt nicht einfach nur ein neues Album mit verträumten Pianoklängen vor, sie hat sich stark weiter entwickelt. Denn sie nutzt auf der neuen Platte Home ein weiteres Instrument; eines, das jedeR beherrschen kann: Die Stimme. Hania Rani singt erstmals zu ihrer Musik. Und es ergänzt sich zu einem absolut runden Hörerlebnis. Dadurch wird es noch ein Stückchen mystischer, noch ein wenig zerbrechlicher, aber genauso schön.
Zum ersten Höreindruck Leaving gibt es auch ein extrem sehenswertes Video. Griechenland. Natur. Meer. Klavier. Suchen. Finden. Singen. Spielen. Ab.

03.06 - Berlin, Lido
14.06 - Zürich, Kaufleuten
02.08 - Neubrandenburg, Detect Classic Festival

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