Montag, 22. August 2016

Beginner - der Testsieger rappt wieder!

© David Koenigsmann Universal Music
(sf) Eizi Eiz. Denyo. DJ Mad. Muss man noch mehr sagen? Die BEGINNER sind wieder da und am Freitag (26.08.) haben 13 ewig lange Jahre Warten endlich ein Ende. "Advanced Chemistry" heißt das neue Album und der Titel dient zum Einen als Reminiszenz an die Heidelberger Hip Hop-Pioniere um Torch und Toni L, zum Anderen weist er aber auch auf die Weiterentwicklung hin, die die Beginner während ihrer Karriere seit Anfang der 90er Jahre durchlaufen haben. Vom englischsprachigen(!) Rap-Act, über  "Bambule" mit all seinen Hits, bis hin zu "Blast Action Heroes", das dem Genre seine erste Nummer 1 in den deutschen Charts bescherte. Nun gehts also weiter und die Herren um die 40 sind noch lange keine Rap-Rentner...

Aber wie geht man es an? Wie nimmt man seine erste Platte nach einer gefühlten Ewigkeit auf, wenn
man den deutschsprachigen Hip Hop geprägt und darin mehr erreicht hat, als dafür überhaupt je vorgesehen war? Wenn man die Hall of Fame von innen und seine Szene von außen kennt, weil zwischenzeitlich andere Kleinigkeiten wie Familiegründen, kreative Versenkung und Soloprojekte mit Platinüberzug anstanden? Wenn da draußen Leute warten, die dieser Musik nicht weniger als ihre
verdammte Jugend verdanken, und dahinter bereits Massen von YouTube-Experten und andere Wwwahnsinnigen mit den Hufen scharren? Die Beginner haben das getan, was vermeintlich nahe liegt und dennoch so verdammt schwer sein kann: sie haben den riesigen Sack mit den Erwartungen über Bord geworfen, sich kurz gestreckt und einfach mal das gemacht, was sie am Besten können.

Um es gleich mal vorweg zu nehmen: nicht jeder der 12 Tracks ist ein Top-Hit, aber was solls? Ich hatte insgesamt nicht mit so viel Qualität, so fetten Beats, so aussagekräftigen Texten und so viel Wortwitz gerechnet. Ich hatte befürchtet, die Beginner würden sich auf ihrem Namen ausruhen, sich damit zufrieden geben, wieder da zu sein und durch ihre bloße Anwesenheit wieder in den Olymp einzuziehen. Aber davon keine Spur, denn schon das Comeback-Intro "Ahnma" lässt, äh ja, erahnen, in welche Richtung das Album gehen wird. Klar, man feiert sich ne Runde selber, ist sich der eigenen Bedeutung durchaus bewusst, lässt den bereits erwähnten Torch zu Wort kommen, schlägt doch die Brücke von den absoluten zu den überragenden Beginnern und baut mit Gentleman und Gzuz alte Weggefährten und neue Hip Hop-Heroen ein. Fast schon folgerichtig erschien die Single just an dem Tag, als Gzuz mit seinem Album die Top-Position der deutschen Charts stürmte.

© Nils Müller Universal Music
"Es war einmal...", die zweite Auskopplung schlägt in die selbe Kerbe, zäumt das Pferd aber von hinten auf und erzählt die Bandgeschichte in knapp fünf Minuten. Ziemlich gechillt, das Ganze, aber zur vollen Entfaltung kommt der Track erst in Verbindung mit dem genialen All-Star-Video, das ich Euch unter dem Artikel angehängt habe. Amüsantes Detail am Rande: Eiz und Denyo lassen sowohl in diesem Song, als auch später im Album immer mal wieder bekannte Zeilen der Deutsch-Rap-Historie einfließen und zaubern so ein Schmunzeln auf die Lippen des geneigten Hörers.

Mit Samy Deluxe darf bei "Meine Posse" wieder ein Gast mitrappen, der die alte Schule des einheimischen Hip Hop repräsentiert. Der Track hakt an mancher Stelle ein bisschen, kommt mitunter ein bisschen sperrig rüber und ganz ehrlich: ich tu mir ein bisschen schwer, wenn Menschen in dem Alter den Posse-Gedanken hochleben lassen.

© David Koenigsmann Universal Music
Auch "Schelle" reißt mich nicht gerade vom Hocker, wobei es schon ganz witzig ist, wie den
Möchtegern-Gangstern der Szene vorgehalten wird, dass es nicht immer gleich die Pumpgun sein muss. Mit "So schön" kehren die Beginner zusammen mit Dendemann jedoch zurück in die Erfolgsspur und legen textlich wieder eine Schippe zu. "Rambo No. 5" lässt anschießend zunächst Schlimmes befürchten und lässt den Hörer bei den ersten drei Hördurchgängen ratlos zurück, aber irgendwann ist der Shice dann doch sehr catchy und wird vor allem live wahnsinnig gut funktionieren.

"Kater" beschreibt das legendäre Jahrhundertbesäufnis und das böse Erwachen am nächsten Morgen. Wer kennt es nicht, dieses elende Gefühl, das auf den Rausch folgt? Für mich eins der Highlights des Albums und definitiv der Soundtrack so manch eines vergangenen Wochenendes. "Rap & fette Bässe" bietet genau das, was der Name verspricht, ehe das Intro zu "Spam" für Gänsehaut sorgt und sich der Text mit den Abgründen der schönen neuen digitalen Welt beschäftigt. Vielleicht der beste Track des Albums und in seiner Tiefgründigkeit sehr bedrückend.


Zusammen mit Megaloh strecken die Beginner mit “Thomas Anders” den stolz gereckten Mittelfinger gegen die durchnormierte Langeweile der Selbstoptimierungsstreber und Spießbürgerkings. Dann hat Haftbefehl seinen großen Auftritt und prollt durch "Macha Macha" - keine Ahnung, ob das sein muss, ob das Provokation sein soll oder einfach ein Statement, dass die Beginner sich alles leisten können, weil sie eben die Beginner sind? Wie dem auch sei: der Track funktioniert überraschenderweise sehr gut.

© David Koenigsmann Universal Music
Und zum Abschluss des Albums beleuchten Eizi, Denyo und Professor Mad mit dem ihnen eigenen schwarzen Hanseatenhumor die Greuel einer jeder Reise: Woanders is’ auch scheiße, wo bitte gehts hier wieder “Nach Hause”?

Mein Fazit hatte ich ja ziemlich zu Beginn bereits einfließen lassen, aber nun nochmal: ich kann mir  gut vorstellen, dass manch Zuhörer, der die Beginner "damals" schon kannte und liebte,  beim ein oder anderen Track die Hände über dem Kopf zusammenschlagen wird. Mich hingegen hat "Advanced Chemistry" positiv überrascht, das Album klingt mit jedem Anhören noch besser und ich bin froh, dass die Beginner wieder da sind, zumal ich mit den Soloprojekten der Bandmitglieder nicht so arg viel anfangen konnte. Ich bin sehr angetan und gehe sogar so weit zu sagen, dass das Comeback über die ganze Spielzeit gesehen sogar das ausgeglichenste und beste Album der Bandgeschichte darstellt.


 





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