Mittwoch, 20. August 2014

The Gaslight Anthem. Get hurt. Gefallene Helden?


Quelle: universal.de
(mb) Gaslight Anthem ist meine Lieblingsband. Spätestens seit ihrer zweiten LP „The 59  sound“. Diese rotiert  seit Ihrem Erscheinungsdatum in Endlosschleife auf allen meinen Devices. Komisch, wenn man über das neue Album der Lieblingsband, die eigentlich machen kann was Sie will und immer überzeugte, Folgendes konstatieren muss : „It just ain´t great“.

Mit regelmäßiger Verlässlichkeit betonte die Band bereits in den Monaten vor Releasedate, man habe sich verändert und probiere Neues aus, schließlich haben dies alle großen Bands die man bewundere, es so getan. So gesehen stellte die Band sich selbst auf eine Stufe mit den „ganz großen Bands“. Freilich grenzt das an Blasphemie. Denn The Gaslight Anthem wollte sich schon mit Album Nummer drei „American Slang“ auf die Stadionbühnen hieven. Es ist seither nicht gelungen. Die Luft im Rockhimmel ist dünn und es gilt sich zu unterscheiden, denn auch ein Engel im Himmel fällt niemanden auf.  Es ist  wie bei jungen Talenten im Fußball, die als der nächste Superstars angepriesen werden und dann als ewiges Talente jedes Jahr zu einer neuen mittelklassigen Mannschaft verliehen werden und schließlich mehr für Ihre Ekszesse als für Leistungen in den Medien gehuldigt werden. Die Band um Brian Fallon will Springsteen und Pearl Jam zugleich sein, etwas rockiger, poppiger, 80ies lastiger. Dabei verliert man die eigene Identität ein wenig,  kann sich schlussendlich dann aber doch nicht entrinnen. Die Gefahr an erzwungener Veränderung ist die, dass man  blind für sein bevorstehendes Unheil ist. Zu gewollt ist eben noch lange nicht gekonnt.

quelle: universal.de
Ich sage nicht, dass es wieder und wieder ein „59 sound“ werden soll, dass wäre musikalisch ohne jeden Zweifel vermessen. Man merkt, dass die Band sich verkopft hat. Das neue Album wirkt steif, fast kühl. Einfach spielen, rausgehen, Spaß haben hätte man sollen. Frei nach Kaiser Franz. Die neuen Eindrücke werden zwar mit simpler Rhetorik eingängig verpackt, melodisch verzettelt man sich allerdings in allzu vielen, nicht passenden Neuerungen. So passiert es, dass „Stay vicous“ ein zu sehr gewolltes Rockbrett geworden ist. Die schrammenden Gitarren animieren eben nicht zum Luftgitarre spielen, sondern der Audiotune Gesang – ganz ehrlich WTF! – wirkt abschreckend. SKIP. „1000 Years“ dümpelt im 80ies Kostüm vor sich hin, textlich süß, zündet aber einfach nicht. „Get hurt“ vermag durchaus zu überzeugen, bevor in weiterer Folge sich ein belangloser Song an den nächsten reiht. Hätte man The Gaslight Anthem so nicht zugetraut. Vor allem „Underneath the ground“ grenzt an Fremdscham und ist unaussprechlich schlecht geraten. Doch das Glück des Albums liegt in Ihren späten Tracks und liefert in der zweiten Hälfte die langersehnten Perlen. „Rollin and Tumblin“ ließ ohnehin schon vorab hoffen, „Selected Poems“ ist zwar ohne Zweifel ein wenig platt dennoch umreißt es ganz geschickt die mittlerweile zehnjährige Bandgeschichte. Ein absoluter Kracher ist dann schon die Ballade „Break your heart“. Geht unter die Haut, sehr emotional und fesselnd. Manchmal ist Liebe eben auch, diese zu verweigern, da man nur so glücklich sein kann. Nobel, wahr, selten akzeptiert. „Dark Places“ hat dann diese typische Hymnenhaftigkeit, die an melancholische Vorgänger ala  „Backseat“ erinnern. Verstärkt werden diese Mutmacher durch die drei Bonustracks, die dank der glatten Songstruktur zeigen, dass gerade hier nicht so viel versucht wurde sondern einfach der Spaß am Musizieren im Vordergrund stand: Gefällt!

Dennoch, die Band bleibt meine Lieblingsband. Ich habe zu den Songs geweint, gefeiert, gelacht, gesungen – alles immer höchst emotional. Das neue Album schafft es größenteils nicht mich mitzureißen. Trotzalledem werde ich weiterhin die Konzerte besuchen und versuchen die Band zu supporten. Unberechtigterweise löste auf Facebook die Werbemaßnahme der Band einen Shitstorm aus, als diese ihre Lieblingssongs als Soundtrack einspielten und dann Track by Track den Fans mit Video und anschließenden Downloadlink für das Audio bereitstellten – kostenpflichtig. Der Fehler: Man hätte es als Promotionstool nützen sollen, also kostenfrei. Dass die Reaktionen dann so negativ ausfielen und die Band es gesamthaft wieder offline nehmen mussten ist wohl vielmehr als Kritik am neuen Album als die Abneigung gegen den Mainstream und die Musikindustrie im Allgemeinen zu verstehen. Ein fader Beigeschmack bleibt, vor allem von sogenannten "Fans".
Eine Sakralisierung von Künstlern ist pubertär. Sie sind auch nur Menschen und keine gehaltvolle Lebenssinn Projektionsfläche, sondern müssen auch ihre Miete zahlen. Dass diese dann auch musikalisch etwas versuchen, damit sich scheinbar (weiter)entwickeln aber dennoch scheitern ist nur allzu menschlich. Die Toleranzgrenze bei den Fans ist eben nicht so hoch, denn there are plenty much more fish in the sea in the music industry Haifischbecken. In diesem Sinne wäre eine Rückbesinnung zu den Wurzeln, und nicht die Adaption der musikalischen Idole, vielleicht das Beste: sink or swim.

Montag, 18. August 2014

Taubertal Festival 2014. Gelebter Eskapismus.



(mb) Rothenburg ob der Tauber. Ein paradoxer Schauplatz, denn alljährlich verwandelt sich das Tal unterhalb des schnieke herausgeputzten Weltkulturerbe Städtchen zu einer Festivalwahnsinn  Tollwiese, bei der Heavy – Mettler zu Casper springen und graue Mäuschen bei Enter Shikari den Mosh Pit stürmen. Das Taubertalfestival. Sagenumwoben, als schönstes, idyllischstes Festival angepriesen, gemütlich und zugleich verrückt, so wurde es an meine Luser getragen. Und es stimmt was Sie über dich sagen.
Ich habe das vergangene Wochenende mal aufgenommen, press play:

Schwarze Becksverkäufer ohne Weed


Ankunft am Freitag. Die eingefleischten Fans waren vorab etwas erbost, da nicht wie üblich bereits am Mittwoch angereist werden konnte. Lärmschutz und so, Fucking Political Correctness ist echt überall. Wir brauchen alle mal wieder eine Meinung sag ich euch! Eine polarisierende, vor allem! Für mich als Taubertal Jungfrau war die Anreise stressfrei, Quechua Zelt elegant aus den Händen fallen lassen, erstes Dosenbier geöffnet und schon macht jeder Schluck Glück Glück Glück. In weiterer Folge haben wir konträr den ganzen veganen Hipster Trend den Grill ordentlich mit Kohle befeuert, dass unsere gierigen Schlünde ausschließlich Fleisch heruntergeschlangen. Daraufhin gab´s ca. zehn Bier, Details würde sämtliche Jugendschützer auf den Plan rufen. Gestartet hat das Festival mit dem Abstieg ins Tal vor pittoresker Kulisse und hochjubelnden Gefühlen bei Jimmy Eat World. Melancholische Erinnerungen aus Pickel pubertärer Vorzeit zogen bei „The Middle“ wie ein Film durch meinen Kopf, als  SkatePunk auch in bayrischen Vorstädten einzog, in denen niemand dir die Vorfahrt nimmt und die Jugend etwas frivoler und freier machte. Wieder zurück zur Story.
Schwarze Becksverkäufer jagten derart wuselig über das Gelände, das zu vermuten ist, dass ihr Gehalt nur mit einer adäquaten Menge verkaufter Becher rentabel ist. Anyhow, Me and the boys never had an empty glass of beer. Atemlos ging es weiter durch die Nacht, ehe der weite Aufmarsch zum Steinbruch uns doch ein wenig ermüden ließ, aber wenigstens war der Kaffee noch warm, verdammt.

Maulscheißvogel und Anker


Donnerstag, 14. August 2014

Open Flair 2014: Zum Geburtstag einen Brief


(ms) Liebes Open Flair,

Schon letztes Jahr habe ich dir einen Liebesbrief geschrieben. Bitte seh Dir diesen Text als die logische Fortsetzung an. Wie Du weißt, habe ich mir direkt nach dem Ende des letzten Flairs eine Karte für dieses Jahr besorgt. Also waren die Bestätigungen immer eine große und spannende Tüte voller Überraschungen. Viele davon waren etwas ernüchternd, andere haben mich glatt vom Hocker geboxt! Die Munkeleien über den Überraschungsheadliner, der sich bekanntlich als Rise Against entpuppt hat, waren extrem abenteuerlich. Für Dich, liebes Flair, freut mich diese europaweit exklusive Bestätigung natürlich sehr. Ich persönlich kann mit der Band wenig anfangen, aber Musik ist glücklicherweise Geschmackssache und so ist auch der Rückblick auf ein Festival stets ein subjektiver. So finde ich es nicht so schlimm, dass die Monsters of Liedermaching nicht gespielt haben, für andere ist das ein Schlag ins Gesicht. Und so geht das bei jeder Band weiter…

Fangen wir am Donnerstag an.
Wir haben nur Madsen um halb eins gesehen, aber das hat sich dermaßen gelohnt. Ein grandiose Liveband, die genau weiß, wie man das Publikum mit Ansagen, starken Songs und Spielereien auf ihre Seite zieht. Freundliches Gepoge, Springen und kräftiges Mitgegröhle bieten einen idealen Start in ein tolles und noch sehr trockenes, sonniges Wochenende.

Annenmaykantereit im E-Werk
Und so steht man einigermaßen fit und ausgeschlafen morgens wieder auf mit Dosenfutter und –bier. Der Baggersee lädt mal wieder zum Verweilen ein bis wir uns gegen zwei Uhr auf den Weg machen. Jetzt kommt’s: Ich wollte immer schon zum Comedy-Programm und hab es dieses Jahr erstmals geschafft. Aber viel besser ist fast, dass auf dem Vorplatz des Kleinkunstzelts eine Zweimannkapelle mit einer Horde Gänsen unterwegs waren, die eifrig gefolgt sind. Finde ich super! Im Zelt war die Luft – vorsichtig ausgedrückt – nicht sooo gut. Dafür hat Markus Barth für Krämpfe der Lachmuskulatur gesorgt. Danach haben Kmpfsprt eher ein bisschen enttäuscht (Thema Geschmackssache!). Nach dem Grillen stand eine üble Entscheidung auf dem Plan. Vorweg: Broilers wollte ich sowieso nicht sehen. Aber gleichzeitig traten Spaceman Spiff, Jupiter Jones und Florian Schröder auf. Nach Zögerei haben wir uns für den werten Spiff entschieden und der Besuch im schönen E-Werk bei mittelgroßem Publikum hat sich gelohnt! Ein tolles Konzert, das leider etwas verspätet anfing. Thema Casper: Entweder mag man ihn oder nicht. Ein Zwischending kaum vorstellbar. Ich mag ihn nicht und fand den Auftritt entsprechend mies. Wobei die Show an sich schon nicht verkehrt war. Für Labrassbanda wollten wir uns nicht in die extrem lange Anstehschlange stellen, was sicher keine gute Idee war, nach dem was man so gehört hat…

Maxim auf der Freibühne im Baumkreis
Samstag das erste Mal das Fast Forward Theatre gesehen. Ich mag Impro-Theater und entsprechend gut hat mir das gefallen bevor ich das wohl beste Konzert auf dem Open Flair innerhalb von sechs Besuchen gesehen habe. Man schrieb Samstag, 17 Uhr, E-Werk. Eine beachtlich große Menge an Menschen wollten die großartigen Annenmaykantereit sehen. Zurecht. Der Sänger hat mit seinen Anfang Zwanzig eine Tom Waits-ähnliche Stimme. Wahnsinn! Dazu noch diese Texte! Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus! Nächstes Jahr bitte Mainstage, Leute! Danke für dieses Booking!
Der gute Eindruck hatte auch einen langfristigen Effekt, denn Maxim war relativ enttäuschend, der Sound nicht so gut und die Lieder doch sehr eingängig. Dafür dass er früher mal Reggae gemacht hat, hätte er für mehr Stimmung sorgen können.
Aber dafür sind S 3 E D – Seeed – aus Berlin ja gekommen. Mit einem wahnsinnigen Bühnendesign und einer ebensolchen Show sind sie ein würdiger Headliner für den Samstag gewesen. Nachdem die Open Flair-Besucher Peter Fox bereits solo gesehen haben, war die Bestätigung von Seeed eine gute Wahl. Danach noch KAKKMADDAFAKKA. Einfach eine geile Band, die Bachgroundtänzer sind eben schon zwei heiße Typen. Da kann man nix sagen. Leider hat man währenddessen Steel Panther verpasst, die nach Hörensagen schon sehr amüsant und unterhaltsam gewesen sein sollen.

Rise Against als würdiger Abschluss auf der hr2-Bühne

Nach dem Aufstehen schmerzt es schon ein wenig, dass schon wieder der letzte Tag ist. Was soll denn das? Das geht mir alles zu schnell. Daher möchte ich Dich nochmals loben. Für die tolle Organisation. Für die wunderbaren, verrückten Menschen, die du anlockst. Für die phantastische Stimmung, die nicht ablässt. Für die Stadt, die einfach mitmacht. Für das abwechslungsreiche Programm. Für die Etablierung der Seebühne. Für die besten Securities, die kleinen, schmalen Mädchen aber auch großen, breiten Männern helfen. Oder sich über sie lustig machen. Beides voll okay. Klar auf das Wetter am Sonntag hast du leider (noch) keinen Einfluss. Daher war es bei Feine Sahne Fischfilet noch angenehm. Und das Konzert war ein Kracher, die Band offen antifaschistisch, wasted in Jarmen und komplett im Arsch. Und betrunken. Danach ging einfach für zwanzig Minuten die Welt unter und es hat Apologies, I have none leider getroffen mit dem Stromausfall. Passiert, kann man nix machen. Gesehen haben wir dann noch Jimmy Eat World, die ich extrem langweilig fand, die aber auch nicht mit dem Publikum kommuniziert haben. Schlussendlich haben Rise Against den Sack zu gemacht. Obwohl die Band mir persönlich eher unbekannt ist, haben sie eine gute Show geliefert, angereichert mit politischen Statements. Und vor der Bühne ging es richtig ab! Das beste war natürlich deren Geste, dass sie zur Zugabe in Deutschland-Trikots wieder aufgetaucht sind. Was für ein tolles, faires und sportliches Zeichen!

Dann ging es mit durchnässten Schuhen, schmerzenden Gelenken und einem gefühlten Leberschaden wieder nach Hause. Winke Winke! Open Flair, Eschwege, ich mag dich echt. Und wir sehen uns nächstes Jahr wieder, ganz gewiss. Dass 16 Stunden nach Ende schon ein Viertel der Karten für kommendes Jahr weg sind, macht jetzt schon Laune!

Bis nächstes Jahr,
Deine luserlounge!

Montag, 28. Juli 2014

Juicy Beats in Dortmund: Fruchtig, warm, genial!

(ms) Samstag, 26. Juli Zweitausendvierzehn. Dortmund. Westfalenpark. 33.000 Menschen. 28° Celsius. 26 Bühnen. 40 Bands. 100 DJs.
Das, meine lieben Damen und Herren, sind die idealen Zutaten für einen abgefahrenen Tag voller Beats, Sounds, Krach, Hitze, schönen Menschen und erstklassigen Acts mitten im Ruhrpott.
Zum 19. Mal fährt das Juicy Beats Festival mit diesem genialen Konzept ein Eintagesfestival nach Maß auf. Dabei zieht das Festival nicht zwingend mit den riesigen Namen die Massen an. Natürlich sind Boys Noise, Alligatoah, Alle Farben, Calexico, Milky Chance, Die Orsons, Frittenbude und einige mehr schon Namen, die insbesondere live einiges versprechen. Doch der Reiz an diesem Event ist das Event an sich.
Sich vor Ort treiben zu lassen, vor irgendeiner Bühne sich in den Klängen zu verlieren, die gerade die Beine zum schwingen bringen. Neues entdecken, was man vorher noch nicht kannte und sitzend oder mit einem Kaltgetränk in der Hand das Spektakel genießen. Wobei man am Samstag gar nicht viel trinken musste, um auf Betriebstemperatur zu kommen, die Sonne hat ihr Aufgabe entsprechend gut gemacht. Und glücklicherweise gab es genug Wasserstellen, um sich kostenlos zu erfrischen und den Flüssigkeitshaushalt aufrecht zu erhalten. Ein großer Pluspunk für ein Festival dieser Größe. Kleine Erinnerung: Bei der Rheinkultur (die es ja leider nicht mehr gibt) waren über hunderttausend Menschen da und es gab gefühlt nur zwei Wasserstellen für alle bei weit über dreißig Grad!

Quelle: festivalhopper.de
Das Gelände. Es ist geschaffen um sich auszuruhen. Sich irgendwo hinzulegen, entspannen. Und extrem weitläufig, sodass man zu keinem Zeitpunkt den Gedanken hat, dass doch so viele Menschen da sind. Na gut, beim Einlass vielleicht, wo man unter Umständen gegen Mittag eine Stunde warten durfte. Und klar, in der einzigen U-Bahn-Verbindung, die zum Westfalenpark führt.
Wie im Namen schon versteckt dominieren beim Juicy Beats elektronische Sounds. Doch die Abwechslung ist hier erneut hervorzuheben. Schon seit Jahren hat der WDR-Sender Funkhaus Europa eine eigene Bühne mit internationalen Acts aus wirklich allen Bereichen, ob Soul, Salsa, Blues oder Corssovermischungen. Als Headliner auf der Himbeer-Bühne durften die großartigen Calexico zeigen, dass sie im Stande sind ein extrem gemischtes Publikum zum tanzen zu bringen. Insbesondere die Konstellation aus Keyboard, Trompeten, Marimbaphon und phasenweisen spanischem Gesang kann wirklich keinen mehr am Boden verwurzeln lassen. Ganz schnell hatten sie die Massen auf ihrer Seite als sie den Joy Division-Klassiker "Love will tear us apart" coverten.
Auf der Mainstage gab es den ganzen Tag über die angesagtesten Acts hintereinander, die eine Riesenparty machten.

Freitag, 25. Juli 2014

Warum SOHN es schaffen werden!

(ms) (Pop)-Musik wird derzeit immer elektronischer. Sowohl die Mainstreamsachen im Radio als auch der noch so letzte Hype im Independent-Bereich. Marcus Wiebusch, der alte Punk-Hase, experimentiert mit elektronischen Beats und HipHop-Kram. Bands wie Alt-J, die nicht nur extrem genial sind, sondern auch mit "An awesome wave" ein grandioses Debut vor zwei Jahren hingelegt haben und im September mit dem Nachfolger bestimmt noch einen draufhauen, und dabei mit Rhythmen und Synthesizer spielen. Das schlechteste Beispiel wären sicherlich Linkin Park, die vor Dekaden mal gut waren und naja, den Rest könnt ihr euch denken. Seit ein paar wenigen Jahren erlebt Dubstep in Form von Pendulum beziehungsweise Knife Party einen riesigen Schwung nach oben. In angesagten Discos ist es den ganzen Abend lang elektronisch. Und dabei geht es wirklich richtig ab! Skrillex wurde wahnsinnig gehypted!


Die beste Brücke zwischen Radiomusik und hohen Lobgesängen in Indie-Musikzeitschriften wie Spex oder Intro schafft derzeit SOHN. SOHN ist Christopher Taylor mit seinen zwei Kumpanen. Laut dem Internetwissenslexikon Wikipedia wird seine Musik schon als Post-Dubstep bezeichnet, was auch immer das jetzt genau sein soll. Wir nehmen es mal so hin. Er war kein unbeschriebenes Blatt, als er die internationale Musikbühne betreten hat. Vorher hat er sich mit Trouble Over Tokyo ausprobiert. Seit zwei Jahren veröffentlicht er unter dem Namen SOHN. Natürlich immer groß geschrieben!
Woher der deutsche Name? Eigentlich ist die Erklärung ganz simpel: Statt in London lebt Taylor seit mehreren Jahren in Wien und irgendeine brilliante Idee brachte ihn wohl schon dazu sich so zu nennen.
Taylors Musik ist komplett elektronisch bis auf den analogen Bass, der aber sicherlich auch noch ein paar Verzerrer und Sythies durchläuft bis der schlussendliche Klang aus den Boxen strömt. Mit Keyboards, iPad und allmöglichem anderen Gerät bis an die Zähne bewaffnet erobert er derzeit die Bühnen der Welt.

theguardian.com
Die Musik ist genauso eingängig wie genial. Seine grandiose Stimme, die wohl für einen Chorknaben geeignet wäre, verfeinert die Beats und Rhythmen. Er erreicht schwindelerregende Höhen und kommt ebenso schnell wieder auf den Boden der elektronischen Tatsachen. Er vereint Sounds, die ins Ohr gehen und gern auch da bleiben mit Beats, die das Tanzbein zu diversen Aktivitäten locken.
Sein Debut "Tremors", das im Frühjahr rauskam, war ein wahnsinniger Erfolg. Wer ihn live sehen konnte, wie beispielsweise beim Melt!-Festival, konnte sich glücklich schätzen im Publikum zu stehen. Na klar, ist das eine umwerfende Atmosphäre vor Ort, und SOHNs Musik fügt sich dort nahtlos ein. Er nimmt das gebannte Publikum mit auf eine Reise und drüber hinaus lässt er sie im besten Fall gar nicht mehr los. "The Wheel" ist ein Hit der begeistert. "Artifice" ist beinahe schon viel, viel besser. Wären wir böse, könnte man es auch von Justin Timberlake singen lassen. Der wüsste aber sicherlich nicht wie man den ganzen Song zusammenbaut.

Derzeit tourt er quer durch Europa, im Herbst durch die Staaten. Wer in Wiesbaden, Düsseldorf, Berlin, Freiburg, Hamburg oder Umgebung wohnt, sollte sich auf den Weg machen und sich schnellstens ein Ticket kaufen.
SOHN hat mit Brillianz die Zeichen der Zeit erkannt, gedeutet und für seinen Vorteil umgesetzt. Daher wird er es schaffen sich oben im Musikbusiness festzusetzen und ganz zweideutig den Ton angeben!

Sonntag, 13. Juli 2014

Deichkind haben eine Fahne - der geheime Anti-WM-Hit

(ms) Heute ist definitiv der Endspurt.
Ein Mal noch den Grill anschmeißen und Fussi gucken.
Ein Mal noch das vielleicht komplett in Schweiß getränkte Trickot anziehen.
Ein Mal noch in kollektive Euphorie verfallen. Oder im anderen Fall eben nicht.
Ein Mal noch Fangesänge mitgrölen.
Ein Mal ist in diesem Jahr noch jeder, aber auch wirklich jeder Fan und natürlich Experte.
Ein Mal noch in diesem Taumel eine Fahne haben und am Montag voll verkatert bei der Arbeit erscheinen. Ein Hoch auf alle Studenten, die eben machen können was sie wollen.

Quelle: procasti-nation.eu
Eine Fahne haben. Oder eben jene in Brand stecken.
Genau das propagieren Deichkind in ihrer WM-Single. Oder eher Anti-WM-Single.
Deichkind kann man lieben oder hassen. Dazwischen gibt es kaum eine Grauzone. Gigantische Liveshows oder eben ein paar Mittdreißiger, die noch neunzehn sind. Oder wirklich sozialkritische Typen, die ihre Gedanken und Parolen mit dicken Beats transportieren und daher eher selten erkannt werden.
Dieses Mal ist es kaum zu überhören. "Ich habe eine Fahne" wurde von Das Bo produziert und kommt mit einem freshen Beat um die Ecke, der vielleicht erst nerven mag und dann doch gefällt. Hier rechnen Deichkind mit dem ganzen Drum und Dran an der WM ab. Ob Grillpartys, Sauforgien, Fahnenschwenken, die unmenschlichen Bedingungen unter der die FIFA arbeiten lässt, ob in Brasilien oder Katar: es trifft bei beiden zu. Hier wird keiner bejubelt, keiner hochgelobt, besungen oder beklatscht. Sondern mal kurz aufmerksam gemacht, was wirklich passiert. Manchmal schwer vorstellbar bei einer Band, die für Partykracher, Wodka-Zitzen, Hüpfburgen, Bunjee-Seile oder Boygrouptänzen auf der Bühne bekannt sind.
Daher fehlen Parolen à la "Power to the Bier", "Ich trinke also bin ich", "Niveau, weshalb, warum" auch nicht im Textinventar.


Das ursprüngliche Video mit animierten Paninibildern und unterschiedlichem Fußball- und Fan-Content aus dem Netz wurde promt von der Gema gelöscht. Daher ist mittlerweile nur noch ein nicht-animiertes Video zu finden. Und nach allerbester Illegaler-Fans-Manier gibt's den Smashhit auch für lau hinterhergeschmissen.
Auf der anderen Seite gibt es diese als offiziell "erste besoffene Single der Welt" bezeichnete auch noch als 7", limitiert auf 500 Stück. Wir haben eine abgegriffen. Ob das wohl eine sinnvolle Investition war, wenn es den Song auch für umsonst gibt?! Immerhin ist die Gestaltung wirklich nicht verkehrt: Der Riesenjesus von Rio mit dem klassischen Deichkind-LED-Hut auf. Doch nicht genug: Auf der B-Seite gibt es die 1-Promille-Version mit einer schwindelig werdenden Maserung auf dem Vinyl, dass die Nadel nur so schwinkt, dazu wurde auf den Beat auch anscheinend wirklich betrunken gesungen. Oder eher ein gezeilt inszenierter Gag?!

Doch nicht genug der Aufmerksamkeit.
Neben Merchandising-Zeug wie T-Shirts gibt es auch lustigerweise eine Fahne mit der Aufschrift des Titels. In Zeiten wo auf Festivals ein Schild mit dem Text "Ich halte ein Schild hoch" ein guter Gag ist, kommt die Fahne fast noch besser.
Als Spitze des Eisbergs gibt es auf E-Bay eine riesen Aktion mit der letzten 7" (die anderen 499 waren in allzu kurzer Zeit vergriffen) und allerhand Kram der Band; anscheinend räumen sie auf. Denn es gibt folgendes dazu (Stand: WM-Finaltag): ein Handy, ein Drucker, ein Deichkind-Kostum, Kram aus dem Tourbus, den keiner mehr haben will, eine super Unterhose, Aufkleber, DVDs von Ferris' Sammlung, eine Tim-Mälzer-Grillzange und als Knaller lebenslangen Eintritt für alle Deichkind-Shows. Die über 3.500€ gehen an einen guten Zweck. Bis Donnerstag kann geboten werden.

Zieht es euch rein.
Habt noch eine schöne Fahne.
Tipp: 3-1 für Deutschland.

Ich hätte nie gedacht, dass man so viel über ein Lied schreiben kann.

Mittwoch, 4. Juni 2014

Damon Albarn - Sind wir alle etwa "Everyday Robots"?

(ms) Drohnen, die von zu Hause aus gesteuert, die Geliebte des Nachbarn ausspannen? Drohnen, die zum Einen gewaltige Luftaufnahmen machen oder doch zum gnadenlosen Killer in der arabischen Einöde werden können? Kleine Maschinen, die ganz von alleine unseren Rasen mähen oder im Haus den Flur wischen? Eine Art Uhr am Armgelenk, die verbunden mit unserem neusten Smartphone alles, aber auch wirklich alles Pulsierende in unserem Leben an Google, Facebook, Apple und Co. weitersenden? Roboter, halb Mensch, halb Maschine, wie sie in der großartigen schwedischen Serie "Real Humans" dargestellt werden, mit denen wir sogar schlafen können?
Alles nur eine Illusion?

Quelle: rollingstone.com
Michtnichten! Blanke Realität, die zurecht Angst machen darf. Vor völliger Kontrolle und vor allem vor Abhängigkeit vom neusten technischen Hype. Was wird mit uns passieren, wenn wir uns dem widerstandslos ergeben? Wir müssen den neusten Kram auf dem Hightech-Markt ja nicht kaufen. Tun es aber trotzdem.
Damon Albarn, dieses verdammte Genie, hat es mal wieder erkannt. "Everyday Robots" - alltägliche Roboter. Das sind sie alle, das sind wir wohlmöglich bald alle mal. So der Titel seines ersten Soloalbums.
Genie. Oder Wahnsinn? Oder Langeweile? Oder ein leerer Geldbeutel?
Was treibt jemanden wie Damon Albarn an, ein Soloalbum zu machen? Endlich ein Album, auf dem sein Name drauf steht (wie Thees Uhlmann es wollte)? Streit mit dem Rest der Band oder nahen Verwandten (Oasis)? Einfach mal was anderes ausprobieren (Jonathan Davies)?
Ehrlich, all das ist kaum vorzustellen bei ihm.
Ein Mann, der Blur gegründet hat. Jemand, der mit den Gorillaz futuristische Musik in Form von Comicfiguren erschaffen konnte? The Good, The Bad And The Queen - eine Allstarband - auch mal aus dem Boden gestampft und Erfolge erzielt? Albarn hat zwei Opern geschrieben, die sehr gut liefen. Wohl möglich ist Albarn einer der kreativsten, vielseitigsten und klügsten Musikköpfe, die derzeit im Business herumgeistern.

Hm, vielleicht ist der Ansatz mit "mal was Neues ausprobieren" gar nicht so dumm und abwegig. Denn wenn man "Everyday Robots" ein oder mehrere Male durchhört, ist kaum eine Ähnlichkeit mit Blur, Gorillaz oder The Good, The Bad And The Queen zu erkennen. Es ist ein sehr ruhiges Album. Fast schon minimalistisch. Keine harten Grungeriffs, keine Gast-Rapper á la De La Soul oder Snoop Dogg. Keine Gitarren-Indie-Mukke. Was denn dann, bitte? Ein Mix aus Pop, ein bisschen Swing, Blues, Folk, Gospel, Salsa. Ach, irgendwie alles von dem und wieder mal gar nichts.
"Everyday Robots", erster Song auf dem gleichnamigen Silberling (oder natürlich Vinyl) besticht durch seine gewisse Einfachheit und dem leicht orientalischen Touch. Natürlich auch mit den Audioschnipseln, die Abwechslung bieten. Ganz anders hingegen "Mr Tembo": hier gibt es in leisen Tönen gute Laune, Sommer, Sonne, Strand und nen kühles Getränk. Keine maschinenmäßige Abfertigung. Dann kommt mit "You and Me" ein siebenminütiges Ding entgegen, das vor Melancholie und einem gewissen Herzschmerz nur so trieft. Aber keineswegs kitschig, eher gut. Auf "Hollow Ponds" verirren sich starke Bläserwände und Backgroundchöre. Abschließend rauscht "Heavy Seas of Love" noch durch die Boxen. Gospel, Vergebung, Gottesdienst, Liebe! Zum Ende hin nochmals echte Gefühle, ganz menschlich, nichts artifizielles? Irgendwie schon.

Quelle: theguardian.com

Damon Albarn, "Everyday Robots". Ein ruhiges, leises Album mit elektronischen Arrangements, aber so ungeheuer vielseitig, wenn man sich die Zeit und Ruhe nimmt, genau hinzuhören. Wenn überhaupt, dann sind einzelne Passagen an Gorillaz angelehnt. In Deutschland und Großbritannien schon ein Charterfolg, groovt es nicht so sehr wie seine anderen Projekte, aber das muss es auch gar nicht. In so einer rauschend schnellen Zeit wie dieser, in der man jeglicher Entwicklung gar nicht mehr hinterherkommt, sind diese diese 12 (naja, eher 10, weil zwei einminütige Instrumentals) Songs eine Ruhepause, die nicht runterzieht, sondern auch mal die Situation analysiert.
Damon Albarn. Genie. Auf jeden Fall.
Was könnte er anderes sein?!