Donnerstag, 10. September 2026

Ebow - Typologie Eines Lebens

Foto: Johanna Legid
(Ms) Für die Neulinge der Musik dieser Künstlerin: Sie heißt „Ebbo“, nicht „I-Bo“. So. Das vorab.

Ebow bringt am 11. September ihr neues Album Typologie Eines Lebens raus und meines Erachtens müsste sich die hiesige Raplandschaft danach neu ausrichten. Diese Platte ist enorm vielfältig im Klang, mal knarzt der Beat, dann wird es soulig, dann wieder - mehr oder weniger - klassischer HipHop. Zudem zeigt Ebow, was für eine unglaubliche Sprachkünstlerin sie ist.
Die versierte Texterin offenbart sich auf diesem Werk als gnadenlose Künstlerin. Denn sie stellt sich selbst in den Mittelpunkt der vierzehn neuen Stücke. Klar, der Titel mag es ja schon erahnen lassen. Doch Ebow macht sich hier wirklich nackt. Zwischen Künstlerin und Mensch besteht hier keine Grenze mehr. Das ist natürlich total spannend! Ich mag es sehr, wenn Musik so direkt mit den Personen, die sie erschaffen, zusammenhängt. Mine oder Tristan Brusch sind Beispiele, die diese Kunst auch wirklich stark beherrschen. Doch das Genre macht es hier besonders interessant. Im Rap wird gerne mal gepöbelt oder gezeigt, wie verdammt geil man selbst ist. Es gibt - aus meiner Warte - wenige RapperInnen, die tiefe Einblicke in ihr eigenes Inneres geben. Mädness fällt mir da noch ein, Sookee auch. Ebow hingegen vereint seit jeher viele Facetten des Lebens in ihren Stücken: ihre kurdische Herkunft, ihre Sexualität, das klare Bewusstsein, dass Politik und Leben das gleiche Paar Schuhe sind.

Die Gleichheit aller Menschen. Damit startet Typologie Eines Lebens. Wasser heißt das Stück. Auf unter zwei Minuten ist das mit E-Gitarren-Unterstützung und einem extrem satten Bass eine starke Standordbestimmung. Und zugleich ein toller roter Faden für das, was danach kommt. Egal, wer woher kommt, welche Sprache man spricht, welcher Sexualität man sich zugehörig gefühlt undundund, wir sind alle kostbar. Ebow bleibt nicht nur im Hier und Jetzt, sondern sie träumt auch. Auf Neues Leben zeigt sie mit niemand geringerem als Joy Denalane eine wunderschöne Utopie auf. Eine Welt, in der Menschen offen aufeinander zugehen. Eine Welt, in der Xatar noch lebt. Eine Welt, in der es in der Musikbranche fairer zugeht. Das alles in einem poppig-souligen Sound samt Streicherarrangement! Ein Hoffnung schenkender Track.
Ihren eigenen musikalischen Werdegang behandelt sie auf Independent (Cleo), stark wie sie hier ihre Rapskills demonstriert. Das Zuhören macht hier mindestens auf zwei Ebenen unglaublich viel Spaß. So auch bei Bete Für Mich. Zusammen mit Juju Rogers schafft Ebow einen wahnsinnigen Track voller Dramatik: eine Geschichte über ein bitteres Aufwachsen voller Probleme, aber auch mit einem lebenserhaltenden Zusammenhalt mit den richtigen Menschen. Dazu ein immenses Arrangement, wieder sind es Streicher, die hier brillieren. Dieses Zusammenwirken von scheinbar klassischen Instrumenten und Rap - Boom!
Ihre eigene Geschichte steht - wie der Titel der Platte ja aussagt - klar im Fokus. Unzertrennlich mit Ebows Wirken ist die Geschichte der kurdischen Bevölkerung. Wie grausam sie behandelt worden ist, schildert sie zusammen mit Savo auf Heval. Das ist schockierend aber auch ein weiteres Mal musikalisch stark gemacht! Apropos! Dieses Album ist eine absolute Ausnahmeerscheinung. Es ist phantastisch, so vielfältig. So eindringlich: Novoline begleitet mich, seitdem die Single draußen ist und bereitet mir jedes Mal Gänsehaut. Die Spielsucht ihres Vaters ist hier Gegenstand und ein weiteres Mal wird es getragen durch Streicher und einem Chor. Der Inhalt ganz doll schlimm, genial getextet und das phantastische Video macht den Track noch stärker, als er ohnehin schon ist! Mit Verlaub: das ist Kunst! Punkt.
Auch die erste Auskopplung Arbayt trägt die Platte mit einem unfassbaren Beat. Schwer, ballernd, genial! Hochpolitisch, ehrlich, mit sich verbunden, unbarmherzig.

Mit Typologie Eines Lebens legt Ebow ein erdbebenartiges Album vor. Es macht so viel Spaß, ihr zuzuhören. Es ist immer wieder äußerst bitter bis schockierend. Es ist beeindruckend, wie stark sie ihre Musik nutzt und gestaltet. Ich kenne nur wenige kurdische Menschen, durch Ebows Werk lerne ich auch viel dazu. An dieser Platte mit all seinen Facetten sollte sich Rapmusik hierzulande messen lassen.

08.10.26 Köln – Bürgerhaus Stollwerck
09.10.26 Bremen – Schlachthof
10.10.26 Hamburg – Fabrik
15.10.26 Leipzig – Werk 2
22.10.26 München – Ampere
23.10.26 Wien – WUK
24.10. Frankfurt – Zoom
28.10. Berlin – Columbiahalle


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