![]() |
| Foto: Freakshot |
Was einst Marcus Wiebusch für Kettcar gedichtet hat, würden viele KünstlerInnen sicher sofort unterschreiben. Dazu gehört auch Nils Wittrock, Texter und Gitarrist der Band The Hirsch Effekt. Seit 16 Jahren existiert diese Gruppe, die alles kann und alles macht. Das war immer schon verrückt und ist es immer noch. Und vor allem extrem beeindruckend! Wie viel jedoch dahinter steckt, solch eine Band mit Leben zu füllen, einen Sinn darin zu sehen, Musiker zu sein, welche Zweifel und Nebenschauplätze drumherum existieren, wird uns Hörenden meistens kaum bewusst. Bis die Band darüber spricht. Oder schreibt. Oder singt. All das ist von diesem wuchtigen Trio zu vernehmen. Nils Wittrock hat ein Buch darüber geschrieben. Wie es ist, als Musiker Covid zu durchstehen, ein Kind groß zu ziehen und diese Band am Leben zu halten (ich habe es nicht gelesen, halte es aber für sehr empfehlenswert, weil darin wohl ein ganz tiefer Einblick ins Künstlerdasein steckt). Damit einher ging ein Schreibprozess der Lieder für das neue Album Der Brauch, das diesen Freitag (30. Januar) erscheint.
Neun neue Tracks sind auf den knapp 50 Minuten zu hören, zu erleben, zu genießen. Selbstredend macht die Hannoveraner Band in etwa da weiter, wo sie musikalisch aufgehört hat. Die harten Gitarren bilden das Epizentrum ihres Klangs. Doch alle musikalische Richtungen, die für das Trio interessant sind, werden auch bespielt. Wieder sehr persönlich ist diese Platte geworden (siehe oben). Klar, dass das Titelstück zu Beginn eine ganz klare, private Handschrift trägt: Der Zwist, in dem Nils Wittrock als Musiker, Vater, Bürger während Covid steckt, wird mehr als deutlich. Dass so eine Band auch immer eine freiwillige - aber durchaus schicksalsträchtige - Sache ist, die einen hier und dort hin manövriert wird immer wieder in aller Wucht klar. Und wie wird das denn alles nur zusammen gehalten? Anscheinend mit einem sehr dünnen Seil. Der Faden heißt der passende Track dazu, in dem Rhythmus, Energie der Gitarre, das Rollen des Basses und auch ganz sanfte Passagen genauso wie derbes Schreien im Hintergrund direkt aufeinander folgen oder gleichzeitig passieren. Wen das nicht packt, ist und bleibt ein Banause. Punkt.
Ja, das klangliche Element ist das, was auch auf diesem The Hirsch Effekt-Album am prägnantesten ist. Das Seil dauert siebeneinhalb Minuten! Dabei sind dort musikalische Sektionen enthalten, die locker für eine ganz eigene Platte reichen würden. Irre, was diese Band da zusammenschraubt! Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob das nicht auch ein wenig anstrengend ist, dem zuzuhören. Ja, klar, auf jeden Fall. Leicht ist das nicht, weil es so wenig eingängig ist. Aber auch gar nicht sein will. Viele Sequenzen sind erschütternd wie Erdbeben. Das passt ja so ungeheuer gut zur Grundthematik, dass wahrscheinlich dieser vielseitige Klang der einzige ist, der zur Band und zu den Liedern passt. Selbst ein zweiminütiges Akusik-Zwischenstück fügt sich nahtlos in den Klang dieses Werkes.
Der ganze Zwiespalt des Musikers, Familienmitgliedes, Menschen Nils Wittrock wird auf Der Doppelgänger so richtig herausgearbeitet. Ein Zwiegespräch mit dem Spiegelbild wird hier verhandelt, wobei das Original das Selbst gegenüber so gar nicht erkennen kann. Erkennen will. Die Kluft ist mitunter groß und dass der da sich genauso bewegt wie ich, das scheint ein unlösbares Rätsel zu sein. Wahrscheinlich ist es auch das Stück, was sich am krassesten entwickelt. Lange arbeitet die Band hier mit wirklich schönen Harmonien und Melodien. Doch 6 Minuten und 42 Sekunden bieten viel Zeit zum Experimentieren. Nach viereinhalb Minuten wird hier ein Metal-Riff aufgezogen, dass einen schon mal aus den Latschen bugsieren kann. Hammerhart - supergeil! Insbesondere die massive Wucht zum Ende hin ist ein leuchtendes Beispiel, wie Musik funktionieren kann. In all seiner Härte, in all seiner Schönheit!
Klar, auch Die Lüge ist musikalisch herausragend. Textlich bin ich in Die Brücke sehr angetan von den verschiedenen Bedeutungen von „überfluten / über Fluten“, was einfach toll geschrieben ist.
Dieses Album ist an allen Ecken und Enden beeindruckend. In der Länge einiger Stücke, in der Vielseitigkeit der Musik, in der Tiefe der Texte. Es empfiehlt sich, dafür ein bisschen Zeit einzuplanen. Es wäre eine Schande, wenn diese Lieder nur nebenbei laufen. Dafür ist dieses Werk zu krass.
Gut, und wer bei Das Nachsehen nicht erschüttert, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Krank. Geil.
Was nun anfangen mit diesem Album? Begeisterung? Verstörung gewissermaßen? Wahn, Sog, Energie? Ich bin extrem gespannt, wie die Band das live rüberbringt und werde vom Bremen-Gig berichten. Doch das allerwichtigste ist, dass nicht nur Nils Wittrock, sondern auch Bassist Ilja Lappin und Drummer Moritz Schmidt immer ausgewogen zwischen Privatem und der Band ausgerichtet sind. Dass sie die richtigen Prioritäten setzen und für ihre Liebsten mit genau der richtigen Kraft da sein können.
26.02. Aarau - KIFF
27.02. Karlsruhe - Jubez
28.02. Ulm - Roxy
05.03. Berlin - Badehaus
06.03. Hamburg - Logo
07.03. Düsseldorf - Ratinger Hof
12.03. Wiesbaden - Schlachthof
13.03. Kassel - Goldgrube
14.03. Erfurt - Museumskeller
19.03. Bremen - Tower
20.03. Oberhausen - Druckluft
21.03. Leipzig - Naumanns
21.05. Saarbrücken - Garage
22.05. Münster - Sputnikhalle
23.05. Köln - Helios 37

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (siehe Blog-Startseite unten) und in der Datenschutzerklärung von Google.