Freitag, 3. September 2021

KW 35, 2021: Die luserlounge selektiert

Quelle: apotheken-umschau.de
(sb/ms) Der Urlaub ist vorbei und ich bin so derart entspannt, ausgeglichen und ausgeruht, dass mir nichts Berichtenswertes für hier einfällt. Politik wäre natürlich das Thema der Stunde mit einem immer noch recht zähen, öden Wahlkampf. Wie leicht wäre es, dass ich mich nun über diverse Plakatierungen in den Städten aufrege. Nö. Auch der Bahnstreik wäre ein gutes Thema. Arbeitskampf ist wichtig, egal, was Herrn Weselsky vorgeworfen wird. Finde ich gut. Bin auch unmittelbar betroffen, aber das will ich nicht auseinander dröseln, dafür ruht das Hirn viel zu sehr in diesem Kopf. Afghanistan ist mir als Laie viel zu komplex. Natürlich wurden da Fehler ohne Ende gemacht. Vor 40 Jahren, vor zwanzig Jahren, vor zehn, fünf und vor wenigen Wochen, Tagen, Stunden. Unermessliche Schicksale. Aber eine Sache stößt mir da doch echt bitter auf. Ein paar Berichte über die sogenannten Ortskräfte sah ich, die nichts als enttäuscht und verzweifelt sind und - noch viel schlimmer - Angst um ihr Leben haben, da sie deutschen Militärs geholfen haben. Die helfen nämlich gerade im Rückzug nicht. Allein das schockiert mich. Es ist eine offizielle Mitteilung, dass dem Staat diese Menschen vollkommen egal sind. Ob sie leben oder nicht. Ist denen egal. Das zu tippen tut ja schon unheimlich weh. Ich wünsche mir, dass alle Entscheidungstragenden schlecht schlafen. Ich ruhe weiter in mir und rege mich kommende Woche wieder auf.

Jetzt wird erstmal gelauscht. Gelust. Daher kommt das Wort. Viele fragen. Wir Antworten. Service!

Ásgeir
(ms) Runde Kunst ist die, die sich gekonnt von vielen Seiten gleichermaßen überzeugend zeigt. Sie kann hier laut, da leise, dort hell, drüben dunkel sein, doch der Ausgangspunkt ist immer der gleiche. Wenn das kreative Zentrum so harmonisch ist, dass es all diese Ausdrucksformen kennt und umzusetzen weiß, ist es nah dran, mich schnell zu überzeugen, da ist das Genre ganz egal. Ásgeir hat dies geschafft. Und zwar ziemlich gut. Bevor ich ihn letztes Jahr in Hamburg sah, war ich überzeugt, dass ich noch nie live erlebt hätte. Tja, vertan. Also: zwar erst zwei Mal live gesehen, aber ganz stark hängen geblieben. Denn er schafft es ganz herausragend, auf den Alben leise, zart, beinahe zerbrechlich zu sein in seinen feinen Arrangements und Atmosphären und live doch recht eindrucksvoll, ja, laut aufzutreten, ohne das beides sich widerspricht. Das ist Kunst für mich. Nun zeigt der Musiker, dass es auch akustisch geht, ohne das ganz große Brimborium. Und dass es trotzdem/deswegen immer noch so, so, so gut klingt. Nähe entsteht in den vier Liedern auf The Sky Is Painted Grey Today auf enorme Weise (dringender Tipp dies über Kopfhörer zu lauschen!). Auf den vier Stücken zeigt sich Ásgeir (der übrigens 'Ausgier' ausgesprochen wird) von einer ganz neuen, sehr lyrischen Seite. Ob alle Stücke autobiographisch sind, weiß ich nicht, ist auch egal. Sunday Drive ist es, zerbrechlich zudem. Wenn die Saiten auf der Akustikgitarre auf dieser EP erklingen, strömt Wärme und starke Emotion hinaus. Ja, auch Melancholie. Aber nicht die, die runterzieht, sondern die, die irgendwo noch ein helles Licht zeigt und dann bin ich angefixt. Das ist Kunst.

Vlimmer
(ms) Eine digitale Doppelsingle. Wusste ich vorher gar nicht, dass es das gibt. Als 7" wäre das sicherlich auch geil! Die Tracks im Internet kann ich halt nicht wenden. Muss ich aber auch gar nicht, da der physische Akt auch immer Pause bedeutet. Das kann den Vorteil haben, das Gehörte tiefer wirken zu lassen. Das direkte Aufeinanderhören bietet mehr Dichte, Nähe, das Gesamterlebnis. Das hat Alex Donat mit seinem Projekt Vlimmer erneut realisiert. Bevor in drei Wochen das erste richtige Album (Nebenkörper, 24. September) erscheinen wird, sind seit Kurzem zwei weitere Stücke zu hören: Meter und Kartenwarten. Sie zeigen eindrucksvoll, wie vielseitig er seinen Sound aufstellt. War die vorherige Auskopplung ein brachialer, positiver Anschlag aufs Nervensystem, haben diese beiden Lieder beinahe heilende Wirkung. Meter ist so dunkel, tanzbar und dynamisch, wie man es mittlerweile gewohnt ist. Kartenwarten hingegen schlägt einen ganz neuen Klang auf; beinahe andächtig, leicht melancholisch, auch vom Tempo her zurückgenommener. Ich gestehe, dass ich bei Vlimmer wenig auf den Text höre, da mich die Atmosphäre viel stärker interessiert. Doch Alex' Wortneuschöpfungen und sein lyrisches Können wird hier (erneut) hörbar. Drei Wochen noch...

Blaudzun
(ms) Immer öfter erwische ich mich dabei, wie ich mich über Veröffentlichungsstrategien aufrege oder zumindest verständnislos zurück bleibe. Beispiel: Blaudzun. Im Januar kommenden Jahres veröffentlicht der Musiker sein neues Album Lonely City Exit Wounds und seit heute sind schon drei Singles ausgekoppelt! Erste und einzige Frage: Warum? Mit dem Nachtrag: Streamingklicks generieren oder traut man den Menschen nicht mehr zu, sich auf eine ganze Platte einzulassen? Naja! Vorerst egal. Closer heißt das Stück, das heute erscheint. Zugegebenermaßen überzeugt es mich stimmlich gar nicht so sehr, aber das Arrangement finde ich für einen Indiepoptrack doch ziemlich gut. Das liegt vor allem an den Streicherparts, die eine gute Dramatik in das Lied bringen. Inhaltlich stellt er eine ziemlich gute Frage, die ich lange im abgegriffenen Paolo Coelho-Kosmos verortet habe: Wer bin ich und wer will ich eigentlich sein? Nein, kitschig ist diese Frage nicht, viel eher wichtig. Vielleicht braucht es eine gewisse Entwicklung, um zu dieser Einsicht zu gelangen. Dem würde der Holländer sicher zustimmen. Text und Arrangement schlägt also Gesang. 

Alicia Edelweiss
(ms) Letztes Jahr habe ich mir ein paar teure Sneaker gekauft. Ich hatte einfach Bock drauf. Und sie sehen auch ziemlich gut aus. Nur schmutzig werden dürfen sie nicht. Erklärt sich irgendwie von selbst, oder? Während dem bestimmt eher impulsiv als begründet viele Menschen zustimmen würden, wehrt sich Alicia Edelweiss mit Hand und Fuß und Haut und Haar dagegen, sauber zu sein! Sie bleibt Kind und ist daher nur zu beneiden. Endlich wieder dreckig sein und sich auf dem Boden wälzen und bloß keine frische Wäsche anziehen, das muss alles genauso so sein und bitte auch so bleiben! Logischerweise heißt Dreck ihr neuster Streich! Wobei eher das Video neu ist, das total verrückte, aber leider auch irre sympathische Stück führt sie schon länger live auf. Edelweiss ist nicht nur visuell auffällig, sondern auch musikalisch: Hier muss sich nichts reimen (wozu auch, Dreck reimt sich auch nicht!), sie schreit und suhlt sich zum Akkordeonklang. Erster Gedanke: Die hat ganz schön einen an der Klatsche. Zweiter Gedanke: Das ist halt auch Kunst. Dritter Gedanke: Das ist verdammt gut. Vierter Gedanke: Nachdem sie nicht mehr Teil der Voodoo Jürgens-Band ist, stehen die Zeichen bestimmt auch gut, sie öfter in Ekstase live zu sehen! Dreckig natürlich!

Fragments
(ms) Letztens sah ich in einer Spiele-Show folgende Idee: Das Logo einer Firma oder irgendeines Unternehmens dargestellt ohne den jeweiligen Schriftzug, nur die Form mit der passenden Farbe. Wäre es ein rechteckiger, fein verzierter, in üppigem gelb leuchtender Rahmen gewesen, wüsste ich sofort, dass es sich um Deutsche Grammophon handelt. So sehr hat mich eine kleine Kassettenbox aus der Kindheit geprägt. Darin waren vier Kassetten unter dem Namen 'Klassik für Kinder'. Das Label, das ich immer als sehr verstaubt und bieder in Erinnerung hatte, ändert seine Strategie seit einigen Jahren, konzentriert sich bei weitem nicht mehr nur auf reine klassische Musik, sondern geht darüber hinaus. Bestes Beispiel, das doch irgendwie im eigenen Kosmos stattfindet, ist Single-Projekt unter dem Namen Fragments. Grundlage ist das Werk des kreativen Erik Satie, der um das Jahr 1900 wirkte, seine Einflüsse sind immens! Das Label nahm sich vor, Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden. Ein Stück von Satie aufbearbeitet und neu interpretiert von KünstlerInnen, die heute kreativ sind. 12 Stücke werden es sein, die nach und nach veröffentlicht werden. Den ersten Schritt geht das Duo Two Lanes, das eine - im wahrsten Sinne - traumhafte Klanglandschaft erzeugt hat. Was für ein wunderschönes, leichtes, bezauberndes Stück Musik ihnen gelungen ist. Klar, es heißt ja auch Danses De Travers! Elf weitere Singles folgen, die danach als Album zu genießen sein werden. Oh, bin ich neugierig!

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