Mittwoch, 25. November 2020

Martin Kohlstedt - FLUR

 

Foto: Konrad Schmidt
(ms) Das wirklich Beeindruckende an Chamäleons ist natürlich diese Farbwechselei. Das ist so irre und faszinierend. Da könnte man Essays drüber schreiben und wäre noch nicht bei den verrückten Augen oder dieser verrückten Zunge angekommen. Einerseits passiert dieser Farbwechsel ganz automatisch. Für uns sieht es dennoch so aus, als ob das Tier es genauso wollte. Zudem wirkt es auch unvorhersehbar. Da sind so viele verschiedene Funktionsweisen, Momente des Staunens und der puren Magie, dass man es ohne baff zurück zu bleiben kaum aushalten kann.
Was wie ein etwas holpriger Vergleich klingen mag. Denn so ähnlich verhält es sich auch bei dem gesamten musikalischen Werk von Martin Kohlstedt: Natürlich, erstaunlich, beeindruckend und unvorhersehbar. Da ist auf der einen Seite diese beeindruckende Ruhe und Gelassenheit seiner ersten beiden Alben Tag und Nacht. Beide Platten sind sehr reduziert auf den reinen Klavierklang, schaffen immer wieder Phasen des meditativen Genusses, des Innehaltens. Dann kam Strom und alles bewegte sich mehr. Nun war auf einem Album nachzuhören, was er sonst schon live darbot. Seine Kunst besteht nicht nur im sehr sanften, klaren Klavierspiel, sondern darüber hinaus im Spiel mit elektronischen Klängen, Verzerrungen, Dynamiken der Lautstärke und durchaus Parts und ganze Lieder, zu denen man gerne tanzen möchte. Beide Seiten fanden schlussendlich auf Ströme ihren Meister. Was für ein dichtes, energetisches, rundes, nahe gehendes Werk. Die Zusammenarbeit mit dem Gewandthauschor Leipzig ist ein tolles Klangzeugnis. Das ist nicht New Age, keine Neo Klassik, das ist etwas ganz eigenes. Und das wiederum ist Kunst. Diese bewussten Wechsel der Farbe, des Sounds, der Atmosphäre, die entsteht. Das ist der Chamäleon-Charakter in Martin Kohlstedts musikalischem Schaffen.
Cover der Platte

Nun erscheint am Freitag (27. November) sein nächstes Album. Natürlich könnte man im Vorhinein ein wildes Rätselraten anstellen. Wie wird er dieses Mal klingen? In welche Richtung entwickelt er sich? Welche Nuancen baut er mit ein? Wie ergänzt er sich selbst?
Natürlich. Man könnte die Erwartungen ganz schnell sehr hoch setzen. Immerhin konnte Kohlstedt bislang auf jedem seiner Alben vollends überzeugen. Doch der Wahl-Weimarer geht den besten, aufrechtesten Weg. FLUR, so der Name der Platte, lehnt sich wieder stark an Tag und Nacht an. Pure Klaviertöne. Reine Musik. Wobei das nicht ganz stimmt. Die Reinheit dieses Albums ist nicht nur dadurch gekennzeichnet, dass es mit einem einzigen Instrument aufgenommen wurde. Das, was darüber hinaus zu hören ist, macht es zusätzlich enorm spannend. Denn man hört im Stillen die Mechanik des beeindruckenden Saiteninstruments. Die kleinen Hämmer, die anschlagen. Die Töne, die noch im Raum wabern. Das ist leicht, mutig und auch einfallsreich. Dieser pure Sound dominiert dieses Album auf zauberhafte Art und Weise.
Dabei ist der Weg, wie man dieses tolle Album hört, durchaus entscheidend. Zum Einen spielt der mechanisch-technische Aspekt eine Rolle: Über welche Boxen sollte man Kohlstedt genießen? Im Auto halte ich es für Perlen vor die Säue. Da geht viel zu viel flöten, das man genießen muss, kann, darf, soll. Die heimische Anlage ist für uns Audiophile natürlich die erste Wahl. Da sollte man laut drehen, aber nicht überstrapazieren, um die Ruhe nicht zu übertönen. Am besten funktioniert es - meines Erachtens - über gute Kopfhörer, die die Außenwelt abschirmen. Denn genau das tut auch FLUR sehr gut: Die Außenwelt abschirmen. Wenn wirklich gar nichts mehr stören kann, dann erlebt dieses Album seine Sternstunden.



Wie so häufig ist es bei moderner Klaviermusik schwierig, einzelne Lieder raus zu picken, die besonders hörenswert sind. Vielmehr entwickeln diese Alben ihren Zauber über die gesamte Spieldauer. Das Fortschreiten im Hörprozess ermöglicht den höheren Genuss! LUN eröffnet das Werk mit gewohnter Ruhe und schon bei ZIN lohnt das sehr aufmerksame Hinhören. Denn es ist nicht nur ein Lied, was in seiner Eleganz leicht verspielt daher kommt. Sondern im Hintergrund, und insbesondere zum Ende hin, ist wunderschöner Regentropfenklang zu vernehmen. QUO ist vielleicht das klassischste Stück auf FLUR in seiner Schlichtheit und Anmut, wo die linke Hand den Boden ebnet und die rechte ein wenig darauf herumtänzelt. Von Melancholie oder Schwermut, gar opulenter Dramatik, ist diese Platte weit entfernt. Doch wenn es ein Stück gibt, das einen etwas andächtigen Charakter aufweist, dann ist es PAN. Von leichter Dissonanz und zugleich aufrechter Vehemenz ist hingegen NOX geprägt. Aus dem aristokratischen Schwung zu Beginn von XEO entwickelt sich ein Lied zwischen leiser Zartheit und dezentem Temperament. Auch auf RUL denkt man, dass die linke treibende Hand von der rechten in ihren größeren Tönen agiert.
Abwechslungsreich im Farbenwechsel. Zart in seinen Nuancen. Pur im Klag. So ist FLUR.

Genauso leise und eindrücklich sind die Videos, die Kohlstedt zu einigen der Lieder hat drehen lassen. Es zog ihn an stille, wunderschöne Orte, um zu spielen und dabei die Kamera drauf zu halten. An die dänische Nordsee, auf seinen Balkon, in eine Gartensiedlung, wo QUO samt gänsehautauslösendem Bläsereinsatz (leider nicht auf der Platte) dargeboten wird.

Morgen, am 26. November präsentiert Martin Kohlstedt sein sehr, sehr hörenswertes neues Album FLUR live auf YouTube um 20 Uhr. Digitale Releaseparty. Was es nicht alles gibt...

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