Montag, 7. September 2020

Mammal Hands - Captured Spirits

Foto: Alex Kozobolis 
(ms) Vorab das Allerwichtigste:  Das hier kann Jazz sein. Oder so etwas, das man irgendwann mal World Music genannt hat. Doch das spielt wirklich keine Rolle. Denn es fällt ganz leicht, das neue Album Captured Spirits des britischen Trios Mammal Hands sehr gut zu finden. Weil es hypnotisch ist. Weil es Drive hat. Weil es Groove mit sich bringt. Weil es beim Hören ganz schnell passiert, dass man alles um sich herum vergisst und sich von diesen Melodien mitreißen oder beruhigen lässt. Beide Pole der musikalischen Atmosphäre sind absolut denkbar, wenn Saxophon, Klavier und Percussion miteinander harmonieren. Wenn man etwas religiöser zugange ist, könnte man durchaus von Transzendenz sprechen. Und: Dieses Erlebnis findet ausschließlich ohne Text statt. Denn hier singt das Saxophon. Obwohl 'singen' für einige Stücke dann doch das falsche Wort ist, so virtuos geht es hier ab. Die Jungs aus Manchester arbeiten hier an einer ganz wichtigen Mission: Das Saxophon aus seltsamen Ecken wieder heraus zu holen. Zum Einen ist es immer zu sehr das klassische Jazz-Instrument, wenn man sich den klassischen Jazz als Trio mit Klavier und Kontrabass anschaut. Dann dümpelt es im Vordergrund umher und dient einer laxen Unterhaltung. Zum Anderen muss es auch in der Pop-Musik wieder in einem schöneren Licht erscheinen, das spätestens seit Careless Whisper von George Michael durchaus gelitten hat (auch wenn es ein toller Song ist!).

Dieses Album vermittelt eher eine Gesamtstimmung als dass man einzelne Lieder in den Vordergrund stellen muss. Das ist der schöne Vorteil an instrumentaler Musik. Man muss sich nicht mit den Texten befassen, die Stücke können sofort Bilder im Kopf erzeugen und somit herrlich uneindeutig sein und jedem Hörer einen eigenen Zugang ermöglichen. Obwohl es sicherlich ein tolles, spannendes Projekt wäre, im Nachhinein den Liedern einen Text, ein Gedicht, eine Kurzgeschichte zu widmen.

Doch wenn die Brüder Nick (Saxophon) und Jordan (Klavier) und ihr Freund Jesse (Percussion) ihre Instrumente bedienen, muss man doch ein paar Stücke - sagen wir: drei - nehmen, um dem Album einen kleinen Rahmen zu geben. Denn der hypnotische Charakter der Platte entsteht durch die Unterschiedlichkeit von Tempo, Wildnis, Harmonie und erzeugter Atmosphäre. Direkt das zweite Stück (Chaser) ist ein Wirbelwind. Ab dem ersten Takt legt das Klavier mit einem Stakkato los, das Schlagzeug erledigt seine treibende Aufgabe und dann setzt das Saxophon ein und ergänzt die Tastentöne ideal in Geschwindigkeit und aufregendem Trubel. Der wird zwischendurch aufgelöst, ergibt sich einem ruhigen Part, ehe das Lied wieder das bekannte Muster aufnimmt und ein angenehmes Stresslevel erzeugt. Das hier hat durchaus Ohrwurmcharakter, wenn auch ohne Text. Insbesondere, wenn zum Ende hin das Thema leicht erhöht wiederholt wird, ist der Spannung keine Grenze mehr gesetzt außer die Spielzeit von drei Minuten und dreiundvierzig Sekunden.
Ein wahnsinnig beruhigendes Stück hingegen ist Rhizome, auf dem das Klavier in erster Linie die Melodie übernimmt, die Richtung vorgibt, das Saxophon schmiegt sich ganz sanft an seine Seite. Und auch, wenn die Percussion isoliert nicht ganz zu dem Stück passen, so ist ihre innewohnende, leichte Hektik perfekt mit den anderen beiden in Harmonie gesetzt, sodass das Stück aufregend bleibt. Sicherlich hat hier der Haus- und Hofproduzent George Atkins auch seine Finger mit im Spiel gehabt. Über die sechseinhalb Minuten wird das Stück immer wuseliger, wie ein Wasserstrudel mit seltsamer Strömung, verliert jedoch nie seine DNA aus den Augen.
Das Ende von Captured Spirits, das diesen Freitag (11. September) auf dem sehr guten Label Gondwana Records erscheint, bildet Little One. Allein dieser Titel lässt einen großen Interpretationsspielraum offen. Es gesellt sich zu den ruhigeren Liedern dieses Werks und rundet es perfekt ab. Hierauf wird der mitreißend-hypnotische Charakter nochmals deutlich, wenn Melodien nur sanft abgeändert sich über einen längeren Zeitraum wiederholen. Jesse am Saxophon zeigt hier technisch gesehen vielleicht seine stärkste Seite. Laut kann jeder, wild ist irgendwann auch nicht mehr so schwer (korrekt schnell spielen ist eine andere Sache und anspruchsvoll). Doch hier spielt er so zart und irgendwie doch bestimmt. Diese leisen, warmen, weichen Töne. Sie dem Holzblasinstrument zu entlocken, das ist wahre Kunst. Manchmal sind sie gar nicht bemerkbar und ordnen sich dem Klavier unter. Sie gehen wirklich Hand in Hand. Wundervoll, ganz große Klasse!

Ja das ist es. Große Klasse. Ein tolles, rundes, aufregendes, beruhigendes, mitreißendes Album! Wenn euer Plattenhändler des Vertrauens das nicht im Angebot haben sollte, muss mit diesen Menschen mal ein ernstes Gespräch über Musik stattfinden. Raus aus den Genres, rein in herrlich hohe Qualität, die sich nie aufdrängt, sondern umhüllt.

Keine Kommentare:

Kommentar posten

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (siehe Blog-Startseite unten) und in der Datenschutzerklärung von Google.