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| Foto: luserlounge |
Ein Tapete-Abend sozusagen. Das Berliner Duo Die Anteile heizte pünktlich um 20.30 Uhr ein. Nur waren leider recht wenig Leute zugegen, die zuhörten. Sehr schade, denn die mit E-Gitarre gespickte Elektromusik hatte viel Drive und der Bass kitzelte immer wieder das Innere des Schiffes. Leider war der Gesang nicht so klar eingestellt. Er wäre das i-Tüpfelchen eines starken Auftritts einer Band, die sicher noch oft zu sehen sein wird. So ein Schiff ist mit seinem industriellen Charme genau der richtige Ort für elektronische Klänge. Der hintere Raum der Bühne wurde währenddessen immer wieder toll beleuchtet. Entweder leuchteten die Scheinwerfer so nach vorn, dass nichts zu sehen oder allerhand Rohre und maritimes Gerät zu entdecken waren. Ich gebe zu - ich steh drauf!
Was danach passierte, kam aus einer anderen Welt. Naked Lunch läuft seit gut zwanzig Jahre bei mir. Durch die sehr bewegte Bandgeschichte hatte ich nie die Möglichkeit, sie live zu sehen. Insbesondere in den letzten zwölf stillen Jahren. Dass diese Band überhaupt noch spielt, davon ist ihr Frontmann Oliver Welter wohl am meisten überrascht. Was hat er nicht alles durchgemacht. Ja, das Musikleben hat ihn gezeichnet, es ist ihm anzusehen. Doch auch die ganze Leidenschaft, die Schönheit der Musik von Naked Lunch, die Größe, die Zerbrechlichkeit, das Warme und Krasse. Es spiegelt sich alles in seinem Gesicht. Zudem gesellt er eine überragende Band um sich herum, die den Abend so stark inszeniert haben, dass er noch lange nachhallen wird.
Mit God anzufangen, ist frech, frech, frech. Und heftig. Dieses übermächtige Stück, das so viele Pole innehält. Lange habe ich drauf hingefiebert, dieses Lied mal live zu sehen. Ja, die Monitorbox funktionierte zu Beginn noch nicht. Aber egal. Mit Inbrunst und Kraft haben Oliver Welter und seine MitmusikerInnen dieses Monster dargeboten. Aufgeregt war er. Ja. Ihm zitterte der Kiefer bei den ersten Ansagen. Das legte sich im Laufe des Abends. Ich habe drüber nachgedacht, ob seine Ansagen eine gewisse Theatralik mit sich bringen inklusive österreichischer Dramatik. Aber nein. Dieser Musiker ist voller Dankbarkeit, das machen zu dürfen. Er erlebt so einen Abend als wahnsinniges Geschenk, als Privileg. Und so gab es wirklich ein besonders starkes Best Of dieser außergewöhnlichen Band zu hören, zu erleben. Denn die ganz leisen, zarten Stücke wie Town Full Of Dogs standen neben den wahnsinnigen Brechern wie If This Is The Last Song You Can Hear. Ein Noise-Erlebnis mit irre gewordenem Saxophon ist das geworden. Ja, die Band hat einige Stücke so modifiziert, dass sie noch mehr Kraft entwickeln. Dazu die ganzen großen Lieder wie King George, The Sun oder Military Of The Heart. Oh man, wie oft kann sich der Puls eigentlich noch erhöhen?! Es ist lange her, dass ich so viel gestaunt habe bei einem Konzert. Die Energie an der Gitarre, die Passion gegenüber der Musik und der große Dank am Leben zu sein. Darunter ging es an einem Naked Lunch-Abend nicht. Und das ist auch gut so.
Leider musste ich aus Bahngründen etwas früher los. Aber dieser Abend wird noch lange nachhallen. Zum Einen wegen der wunderschönen, höchst außergewöhnlichen Location, zum anderen wegen einer musikalischen Darbietung, die die ganze Palette menschlicher Emotionen höchst aufrichtig in sich trägt. Möge Naked Lunch noch ewig Musik machen. Und mögen bitte mehr Leute zu ihren Konzerten kommen!

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