Freitag, 20. Juli 2012

Handwritten von The Gaslight Anthem. Harte Arbeit wird belohnt. Oder?

(mb) Wer wird schon gerne ausgewechselt? Der 55- Jährige, der seine Arbeit liebt und unschlagbar gut darin ist, aber noch einen uralten Tarifvertrag besitzt, welcher ihm Jahr für Jahr ein hervorragendes Gehalt beschert und deshalb seinem Arbeitgeber ein kostenintensiver Dorn im Auge ist. Der vermeintlich Alte wird durch einen 27 -  Jährigen Uniabsolventen wegrationalisiert, welcher weniger qualifiziert aber kostengünstiger ist. Die maximale Hingabe fordert bittere Opfer im Laufe der Zeit, in jeglicher Hinsicht. Auch Musikstücke sind ein substitutives Gut. Nach anfänglicher Ohrwürmern sind viele Lieder schnell abgenudelt und versinken in den Tiefen der digitalen Archivierung. Aus der Playlist, aus dem Sinn. Die mp3-Komprimierung schlüpft in jede Nische der Sortierung. Wegen der Auswechselbarkeit sind Sie auch selten beleidigt, wenn die dunkle Archivierung Schatten über ihre Spielfreude wirft. Lediglich bei GEMAeinheiten reagieren Sie eingeschnappt.
Umso erstaunlicher ist es, wenn Lieder über Monate, gar Jahre stets gehört werden. Platten für die Ewigkeit. So selten wie vierblättrige Kleeblätter. Die musikalischen Einhörner.
Aber es gibt Sie. Für jeden ganz individuell. Eine der Auserwählten, die mich auf den musikalischen Gipfel Sinai führten, ist das zweite Album von The Gaslight Anthem "The 59´sound". Wahrscheinlich sogar die auserwählte Platte. Kein Album habe ich seit 2008  öfter rauf und runter und repeat gespielt. Wenn nichts mehr gefällt, nicht mal auf facebook, the "59´sound" gefiel immer. 2010 erschien dann der etwas popigere Nachfolger American Slang. Medial viel kritisiert, persönlich viel gespielt. Wieder eine Platte für die Ewigkeit. Meine Neigung zu The Gaslight Anthem gedieh, sodass Sie seit geraumer Zeit mit dem Prädikat "Lieblingsband" ausgezeichnet werden. Vor zwei Monaten kündigte die Band also an, ein neues Album zu veröffentlichen. Solider zwei Jahres Rhythmus, solider, hemdsärmiger Titel "Handwritten". So auch die oldschool - lastige Herangehensweise: Brian Fallon hat über 100 Seiten seines vollgekritzelten Notizbuches mit jeder Textidee, Riff und Refrainfetzen versehen - diese wurde in harter Kleinstarbeit nun fleißig mit den werten drei Bandkollegen vertieft, verworfen und verbessert. Die gute alte Holzfäller Bandmentalität. Material beschaffen, abholzen, sägen und so weiter. Nicht nur die Bärte und die Tollen stehen, auch die Kredibilität und die Karohemden sitzen wieder gewohnt tight. Das in Nashville, Tennessee, produzierte Album versprüht bodenständige Wohnzimmergemütlichkeit und soll paradoxerweise nun auch endlich die Stadion dieser Welt füllen.
 Ein paar chorale und für Fan-Singalongs einfach mitzusingende "ooh oh oh´s" wurden deshalb den Refrains hinzugefügt. Man braucht eben Hymnen für die großen Bühnen. Parallelen zu den Kings of Leon sind nicht nur am Produktionsstandort zu erkennen. Dennoch, die Band wirkt glaubwürdig und schreibt gute Texte. Gitarrist Alex Levine hat das Schema für eingängige Gitarrenriffs wohl mit der Muttermilch aufgesogen.
Im Pre-Order habe ich die Deluxe Edition mit all dem Schnick Schnack geordert. Früher hing ich mir Bandposter auf, heute tatöwier ich mir Lyrics unter die Haut. Die Spannung steigt. Das erste Hören. Ich konzentriere mich. Und los geht´s. Jeder Song klingt nach The Gaslight Anthem. Keine großen Experimente. Musikalischer Kreationismus. Einfach The Gaslight Anthem. Ich kann nicht mehr sitzen. Noch mal überzeugen. JA DU BIST ES! Du bist der Sonnenschein in diesen Sommerregentagen, der neue Stammplatzinhaber meiner hart umkämpften musikalischen Auswahl. Willkommen in der Hall of Fame. Willkommen auf der Glücksseite der gespielten Tracks. Du musst kein enttäuschendes Skippen von Liedern befürchten. Nein. Dein Papa "The 59´s sound" ist mächtig stolz auf seinen handgemachten Spross. Ich werde für dich sorgen. Ich werde jemanden für dich auswechseln. Der Musikgeschmack akzeptiert und verdient nur das Beste. Egal welchen Alters. Anders als im echten Leben.



1 Kommentar:

  1. Was ist denn das für eine seltsame Schriftart? Also die "55" in der zweiten Zeile sieht mehr nach Schutzstaffel aus...
    Abgesehen davon: Gute Rezension :)

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