Freitag, 7. August 2026

KW 32, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / Those Icons
Lieber Edeka Bio Basilikum,
am Montag bist du bei mir eingezogen: aufrecht, grün, kräftig! Du bist nicht der erste. Sicher waren schon 15 bis 20 Generationen deiner Art vorher da. Ich bin ganz ehrlich: Besonders rosig sah ihre Zeit hier nicht aus. Dabei kamen alle mit großen Vorschusslorbeeren. Satt und grün die Blätter, herrlich intensiv der Duft und voller blendender Aussicht auf schmackhafte Verfeinerung zahlreicher Speisen. Hach, ich hab dich schon so richtig gern. Nun stehst du auf der Fensterbank in der Küche in einer kleinen Schale, damit ich dir immer genug zu trinken geben kann. Ja, an Tag zwei habe ich dich schon etwas vergessen, aber bin eingeschritten, habe für ausreichend Wasser gesorgt. Und auch schon geerntet, was du gibst. Hat hervorragend geschmeckt. Nun sehe ich dich, wie du gegenüber von mir stehst, während ich hier tippe. Ich versuche, mich gut um dich zu kümmern. Versprochen.

Vlimmer
(Ms) Na, wie entspannt seid ihr im Sommer gerade? Urlaub? Pause? Ferien? Auszeit? Lust, davon wieder ein kleines bisschen auszubrechen? Zur Hälfte zumindest? Dann gebt euch die neuste Single von Vlimmer. Atemdauer heißt sie und erschüttert die eventuelle Entspannung direkt durch einen sehr wuchtigen 80er-Jahre-Bass, der zudem von einem unruhigen Beat flankiert wird. Musikherz - was willst du mehr?! In der Hälfte nimmt der Track sogar technoeske Formen an. Das gehört zum Geheimnis von Alex Donats Hauptprojekt: Bloß nie gleich klingen, immer links und rechts mal ausbrechen. Was ist denn aber die andere Hälfte dieses Stückes? Der Inhalt: bleib bei dir, du hast viele Stärken, egal was alle anderen sagen. Sei stolz drauf und drück den Rücken durch! Eine wunderbare Diskrepanz zwischen Musik und Text. Zudem veröffentlicht der Musiker eine B-Seite (geil anachronistisch!): eine deutschsprachige Version von Caring Is Creeping von The Shins. Zusammengefasst: Genial und komplex!


Tiny Doris
(Ms) Na, ist euch auch wieder alles zu wichtig, was so passiert? Zu krass? Zu intensiv, sodass man entweder gar nicht hinterher kommt oder einen seltsamen Zwang spürt à la: Da muss ich mich dringend einlesen und noch eine Doku zu schauen. Nein! Nein! Nein! Das Hirn braucht dringend eine Pause. Wie gut, dass Tiny Doris (alleine der Name schon!) um die Ecke kommen und den Windungen da oben eine Auszeit schenken. Das Trio aus Berlin bewegt sich irgendwo zwischen Feige Flittchen, Angine De Poitrine und Improtheater. Fische ist ihre neuste Single, denn der Lachs weiß schon Bescheid, dass er auf dem Teller landen könnte. Deshalb gibt es ihn nicht. Logisch. Es muss nicht immer alles vollgespickt mit Bedeutung sein. Manchmal ist es so viel besser. Und am 18. September gibt es mit ihrem Album In Den Dosen noch mehr davon. Dann können wir uns alle von den Wahlen erholen. Geil, oder? Eben.

18.09. Berlin Schokoladen, Record Release Show
20.09. KATS Freiburg
23.09. Dortmund Subrosa
25.09. Hamburg Gängeviertel
16.10. Berlin SO 36


Ebow
(Ms) Was für eine Künstlerin! Ich schreibe es immer wieder, denn Wiederholung ist wichtig! Ihr Auftritt beim letztjährigen Watt En Schlick Fest war quasi ein Erweckungserlebnis für mich. Ebow überzeugte mich nicht nur mit unglaublich großer Sympathie und außergewöhnlicher Präsenz auf der Bühne, sondern auch mit ihren starken, substanziellen Texten! Drei Singles hat sie dieses Jahr schon veröffentlicht. Nun folgt mit Club 1990 zusammen mit Fayim die nächste Auskopplung. Und wer hätte das gedacht?! Es ist ein Liebeslied. Oder viel besser: Ein Verliebungslied. Es geht um die nicht mehr als möglich Gedachte Zufälligkeit, einen tollen Menschen in einem Club zu finden. Ein entspannter, leicht verspielter, sphärischer Track, der schmeichelt und der zum Freuen da ist. Was für eine Künstlerin! Am 11. September erscheint ihr neues Album Typologie Eines Lebens und ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein ganz heftiger Samt sein wird, der die Rap-Landschaft beeinflussen wird!

08.10.26 Köln – Bürgerhaus Stollwerck
09.10.26 Bremen – Schlachthof
10.10.26 Hamburg – Fabrik
15.10.26 Leipzig – Werk 2
22.10.26 München – Ampere
23.10.26 Wien – WUK
24.10. Frankfurt – Zoom
28.10. Berlin – Columbiahalle


Hamato Yoshi
(Ms) Na klar, das muss entweder ein Hersteller von irgendeinem Technikgedöns sein oder ein spezeiller frei zu spielender Charakter bei Mario Kart: Hamato Yoshi. Ja, nicht weit weg. Die Figur kommt aus den Teenage Mutant Ninja Turtles. Und aus Oldenburg. Ja, richtig gelesen. Das Quartett aus dem Nordwesten hat sich diesen Namen zu eigen gemacht und macht melodiöse Rockmusik. Gestern kam mit You Rule The World eine neue Single heraus, die Teil der neuen EP Stand Up For The People sein wird, die am 30. Oktober erscheint. Die Namen von Track und Platte machen klar, was der Band am Herzen liegt. Stabile Musik mit aufrechten, stabilen Ansagen.
Sorgt mal dafür, dass die Band mehr als 16 monatliche Hörende bei Spotify hat!

20.08.26 Oldenburg – Stadtfest
21.08.26 Edewecht – Rock bei Rink
30.10.26 Neermoor – Zuch / EP-Release
06.11.26 Hannover – Kopernikus
07.11.26 Oldenburg – Updreihn Festival
13.11.26 Bremen – Bettys Black Pearl
14.11.26 Nordenham – Eldorado
28.11.26 Leer – JUZ
05.12.26 Bad Oldesloe – Inihaus


Park + Riot
(Ms) Karma - du gibst und irgendwann kommt was zurück. Das hat das Leipziger Duo Park + Riot jüngst erfahren. Die Band ist bekannt für extrem energiegeladene Shows, mitreißenden Krach und zahlreiche Konzerte in auch eher ungewöhnlichen Regionen wie Israel, dem Balkan oder in der Ukraine. Zuletzt waren sie in Schweden unterwegs und wurden von der Polizei kontrolliert. Die haben ein Pfefferspray gefunden, das die beiden wohl vor länger Zeit verlegt haben. Damit verstießen sie gegen schwedisches Recht und wurden auch vierzig Tagessätze verklagt. Was sie erfuhren war nicht nur eine Erfahrung mit skandinavischem Recht, sondern auch Solidarität. In recht kurzer Zeit waren die 1300 Euro zusammen gesammelt. Genial!
Als kleines Dankeschön haben sie mit I Fought The Law eine neue Single veröffentlicht. Ursprünglich aus den 60er Jahren von The Crickets geschrieben und später groß gemacht von The Clash. Unter zwei Minuten ballern sie den Track in den Äther. Karma. Wie stark ist das denn eigentlich?!

14.08 Rostock Peter-Weiss-Haus
15.08 Latscho Festival Koblenz
28.08 TOEN Festival Bischofswerda
29.08 Südstadt Open Air Braunschweig

Mittwoch, 5. August 2026

Live in Dangast: Watt En Schlick Fest

Was für eine Szenerie, Foto: luserlounge

(Ms) Sommer. Was für ein Wort. Wir verbinden es mit entspannten freien Tagen, guter Zeit mit FreundInnen, Urlaub, Sorglosigkeit, Genuss und genug Raum, um aufzutanken. Dass das nicht immer der Fall ist, zeigt nicht nur die Welt- sondern auch oftmals die Wetterlage. Neben den allzu gewöhnlichen Sommertagen, kommt immer mehr krasses Wetter auf - hallo Klimawandel.
Doch dann und wann wird wirklich das Realität, was wir Sommer nennen. Und nicht nur mit den oben aufgeführten Punkten, sie werden noch ergänzt: durch gute, sehr gute Musik und schöne Orte! Wenn das alles zusammen kommt, dann pilgern wieder gut 6000 Menschen ins kleine Örtchen Dangast am Jadebusen. Gegenüber von Wilhelmshafen liegt das verschlafene Künstlerdörfchen, das wirklich nicht allzu viel zu bieten hat. Deshalb fahren so viele Leute dahin. Im Sommer jedoch stellt das Team vom Kurhaus ein Fest auf die Beine, das sich sehen lassen kann. Das sich erleben lassen kann. Das sich genießen lassen kann. Das Watt En Schlick Fest. Nein, kein Festival. Ein Fest.
Und weil es so wunderbar dort ist und auch so herrlich nah, war ich am vergangenen Wochenende zum vierten Mal dort und werde auch nächstes Jahr wiederkommen.

Beim ersten Betreten des kleinen, privaten Strandabschnittes war gleich zu sehen, dass es kleine Änderungen auf dem Gelände gab. Goldeimer ist mit einem Toilettenstand dazu gekommen. Das Zelt ist größer geworden (sehr gute Entscheidung!) und darin (!) befindet sich nun ein Getränkestand (noch bessere Entscheidung!!). Die EWE ist größer geworden und umgezogen, auch der holländische Pommesstand. Sonst alles wie immer: Tante Käthe mit frischem Kaffee aus Oldenburg am Strand, Rhababerkuchen satt sowieso, Handbrot, Fischturm, Falafel, Jever, ein Träumchen.

So ist bei der unvergleichlich schönen Szenerie und all den unfassbar entspannten Menschen natürlich die Musik, die Kunst im Vordergrund. Man kann nicht alles sehen, daher hier ein kleiner Schnelldurchlauf. Am Freitag überzeugten Dressed Like Boys nicht nur mit Regenbogen-St.-Pauli-Schal, sondern auch einem melodiösen Klaviersound. Die tolle Stimme irgendwo zwischen Elton John und Freddy Mercury. Bei Westside Cowboy doch erstmal schauen, ob das nicht eine Schülerband aus Zetel ist. Aber nein: Diese Gruppe hat alles mitgebracht, was guter Indiepop braucht - geniale Überraschung! Luvcat war mit zu poppig, ich habe etwas Dunkleres erwartet. Kreisky zu dem Zeitpunkt zu programmatisch, obwohl ich das eigentlich geil finde. Denen muss ich nochmal eine Chance geben. Eine extreme Überraschung war Disarstar - was für eine Präsenz, was für ein Beat. Und: Ein Künstler, der sich beim FLINTA-Pit selbst zurücknimmt, ein kluges Zeichen. Mein Highlight dann war Martin Kohlstedt, ein Sound, der Zeit und Raum vergessen lässt! Die ganze Impronummer kaufe ich ihm nicht zu 100% ab, dafür ist das zu stark durchchoreographiert. Dennoch bin ich ihm vollkommen verfallen. Bei den Giant Rooks habe ich nur noch den Abendhimmel bestaunt, der meine Synapsen gesprengt hat: ein dunkles Blau schimmert überm Wattenmeer, leuchtende Drachen am Himmel, entspannte Menschen überall. Ein perfekter Tag.

So wunderbar sonnig, strandig, leichtfüßig ging es dann auch am Samstag weiter. Jo The Man The Music konnten auch ohne Drummerin überzeugen. Der perfekte Sound, um im Sand abzuhängen. Frau Lehmann war nett und unterhaltsam. Die erste Stufe der Eskalation dann bei grim104 - die Rückkehr des verlorenen Sohnes quasi. Sogar mit Ouzo auf der Bühne und einem überragenden ZM-Medley zum Schluss - ganz viel Liebe dafür. Danach zeigten zwei alte Eisen, dass sie es immer noch drauf haben: Afrob und Ferris MC. Insbesondere ersterer war ja so unfassbar lässig und im Flow - erneuter Synapsenaussetzer. Dann kurze Pause. Doch aus dem Zelt ballerte irgendwas neugierig Machendes. Also hin. Auf der Bühne zig Leute mit seltsamer Sprache, aber enormer Ballerei: Jule X aus der Schweiz mit einem völlig wilden Auftritt! Dann nochmal längere Pause, Von Wegen Lisbeth wollte ich gar nicht sehen, bei Leona Jacewska wäre ich neugierig gewesen. Dann spielte Sébastien Tellier. Keine Ahnung, was das sollte. Zu viel Licht und ein weitgehend gelangweilter Künstler, der sich einen Weißwein nach dem anderen und sicher eine Packung Zigaretten gab. Völlige Fehlbesetzung eines 22 Uhr-Slots. Was danach geschah, kam aber nochmal von einem anderen Planeten: EV aus London (ja, er sagte es zwischen allen Liedern), ließ das Zelt erbeben. The Streets auf Kokain oder so. Der DJ pumpte sich ein Jever nach dem nächsten rein, das Publikum ging zurecht komplett ab - was war das denn?!

Es war etwas, das genial war, aber auch so langsam an den Kräften zehrt. Meines Erachtens muss ein Festival, oder auch dieses Fest nur zwei Tage gehen. Oder bin ich zu alt dafür? Echt: Keine Ahnung. Daher wurde der Sonntag abgekürzt. Das Hirn braucht Pause, nichts ging mehr rein. Zu viele Eindrücke. Aber allesamt wunderschön! Doch wie genial, dann nochmal komplett überrascht zu werden. Edb war sicher der fröhlichste, positivste Künstler des Wochenendes. Gute Laune aus der Schweiz, was für eine Entdeckung! Il Civetto machte mich neugierig, doch selten war ich so schnell gelangweilt von so nichtssagendem Pop. Dann aber nochmal aufgedreht: Lynx IRL aus Frankreich bot einen völligen Kontrast: Rap mit komplexen Beats, scheppernden Drums, Anonymität und sehr stabiler Haltung - genial! Zum Schluss noch den wunderbaren Klängen von Derya Yildirim und Grup Simsek (sorry, die ganzen Sonderzeichen kann meine Tastatur nicht) gelauscht. Und dann ab nach Hause. Ja, Meute wäre sicher noch ein tolles Highlight gewesen. Doch im Hirn gab es keinen Platz mehr. Die Sonne gab nochmal alles, das Glücksbarometer war bis obenhin voll. Das Watt En Schlick ist echt der schönste Sommermusikort, den ich mir vorstellen kann. 

Bis nächstes Jahr!