Freitag, 11. November 2016

Kommando Kant über Musik, Hamburg, Fußball u.v.m.


Quelle: http://musikvondenelbinseln.de/
(sf) Im August stellten wir Euch die Hamburger Band KOMMANDO KANT vor, die ihr Debütalbum „Ziehen Sie ’ne Nummer“ veröffentlichten und einige Exemplare davon bei uns in der luserlounge verlosten. Jetzt stellten sich Björn, André, Marius und Jannis zum Interview und offenbaren Einblick über Ihre Herkunft, Vorbilder, musikalische Vorlieben und Fußball.
 





Luserlounge:            Hallo Kommando Kant und vielen Dank, dass Ihr Euch Zeit für ein Interview mit uns nehmt. Euer Album „Ziehen Sie ’ne Nummer“ ist ja nun seit ca. zwei Monaten draußen; seid Ihr zufrieden mit der Resonanz? Wie waren die Kritiken und hat sich das gute Stück auch verkauft?
 


Björn:                          Erst mal danke zurück, dass auch Du Dir die Zeit nimmst!

André:                         Hm ... also die Rückmeldungen, die uns bislang erreichten, waren zwar überwiegend positiv, allerdings hätte es insgesamt etwas mehr Resonanz geben dürfen. Es hat über ein Jahr gedauert, bis das Album endlich draußen war, und wir wurden, glücklicherweise, immer wieder gefragt: „Wie lange noch?“ Nun ist es endlich da, aber abgesehen von einer kurzen Freudenwelle zum Release blieb die allgemeine Reaktion aus unserem Umfeld eher verhalten à la „Joa. Ist nun halt draußen“. Das liegt aber auch daran, dass es für diejenigen, die uns schon länger begleiten, keine wirklichen Überraschungen auf dem Album gibt, bis auf das letzte Lied „Hudtwalcker“. Alle anderen Lieder gehören zum Teil seit Jahren zu unserem Live-Repertoire, dem entsprechend kennen unsere Fans sie auch schon.

Björn:                          Ich sehe das etwas positiver: Klar hätten es hier und da ein paar mehr Reaktionen geben dürfen. Andererseits haben wir mit „Ziehen Sie ’ne Nummer“ auch nicht die Musikgeschichte neu geschrieben, sondern vor allem eingefangen, was sich in den Jahren davor bei uns so abgespielt hat. Wir haben viel mitgenommen für die Zukunft, was Songwriting, aber auch das ganze Drumherum bei der Veröffentlichung eines Albums angeht. Dass das Album von den meisten gut aufgenommen wurde und zum Teil überraschend positive Reaktionen kamen, kommt für mich eher noch on top.

Marius:                       Der Gentleman redet natürlich nicht über Verkaufszahlen. Unsere nagelneuen iPhones und Sportwagen sollten Indikator genug sein.

Luserlounge:            Ihr lauft ja unter „Hamburger Band“, kommt aber tatsächlich ganz woanders her. Erzählt doch mal ein bisschen über Eure Wurzeln und wann und wieso es Euch in die Großstadt verschlagen hat.

André:                         Björn, Marius und ich kommen aus dem Raum Husum in Nordfriesland und na ja, soo anders ist es dort gar nicht im Vergleich zu Hamburg. Klar, es ist da oben wesentlich ruhiger, entschleunigter und halt ländlicher, aber im Großen und Ganzen hat Hamburg trotz Millionenstadt einen dörflichen Charakter. Man trifft dauernd Bekannte aus Nordfriesland, die Stadt ist verhältnismäßig grün und die allgegenwärtige maritime Atmosphäre verbindet Husum wie Hamburg gleichermaßen. Trotzdem liegen an manchen Tagen Welten zwischen beiden Bezugspunkten, was wir auf „Ziehen Sie ’ne Nummer“ auch immer wieder zum Thema der Songtexte gemacht haben.

Björn:                          Wenn man von da oben kommt und nach der Schule Hummeln im Hintern hat, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: ein paar hundert Kilometer weg in eine der nächsten großen Städte ziehen oder ganz abhauen. Wir haben uns für Ersteres entschieden, weil man dann doch irgendwie am Norden hängt.

Jannis:                        Ich habe auch eine starke Bindung zu Nordfriesland. Um genau zu sein, zu der Insel da oben neben Sylt – Föhr. Meine Mutter ist dort aufgewachsen und wir haben dort eine Wohnung, die wir/ich seit 21 Jahren jährlich besuchen. Abgesehen davon fällt es mir schwer, meine Wurzeln genau zu verorten, da meine Familie und ich aufgrund der Arbeit meines Vaters in der Hotellerie von 2006 bis 2012 außerhalb von Deutschland in drei verschiedenen Ländern gelebt haben. Genau aus dem Grund ist Föhr, wie ich gerade wieder mal feststelle, der einzig konstante Wohnsitz/Rückzugsort in meinem Leben. In meinen Liedern spiegle ich das jedoch nicht wider, da ich keine schreibe.

Luserlounge:            Fühlt Ihr Euch nun dort angekommen? Oder seht Ihr Hamburg nur als Zwischenstation, um – wie so viele – dann nach Berlin weiterzuziehen?

Jannis:                        Auch wenn ich immer eine gewisse Reiselust verbunden mit Fernweh empfinden werde, freue ich mich jetzt, vorerst hier zu bleiben, und habe auch nicht so schnell vor weiterzuziehen.

André:                         Geht mir genauso. Zu Berlin habe ich ein etwas unentschiedenes Verhältnis. Generell ist mir die Stadt zu groß und impulsiv, andererseits merke ich, dass ich mich dort von Mal zu Mal wohler fühle. Ich glaube, Berlin ist ein guter Ort für einen Neuanfang und Suchende; wenn man Single ist, alle Brücken abgebrannt hat oder einfach auf der Suche nach neuen Abenteuern ist.

Björn:                          Ja, das stimmt. Man bekommt in Berlin oder ähnlich großen Städten schnell das Gefühl, es gäbe noch so viel mehr zu entdecken auf der Welt und es wird Zeit, mal rauszukommen. Gleichzeitig machen so viele Optionen vielleicht auch gar nicht glücklich, wer weiß.

Luserlounge:            Ihr selbst macht ja deutschsprachige Musik. Gibt’s irgendwelche Bands, die Euch inspirieren und wenn ja, sind diese auch aus Deutschland? Wieso habt Ihr Euch denn dafür entschieden, auf Deutsch zu singen?

Marius:                        Also bei den deutschen Einflüssen muss ich mit Tocotronic alle hanseatischen Gymnasiasten-Klischees bestätigen. Ist aber auch wahrscheinlich unmöglich, sich nicht auf die zu beziehen.

Björn:                          Ich würde gerne englisch texten können, versuche mich auch immer mal daran. Aber ich habe das Gefühl, auf Englisch ist es noch gefährlicher, in Plattitüden zu verfallen, vor allem wenn es nicht die Muttersprache ist. Zum Glück gibt es in beiden Sprachen reichlich positive und negative Beispiele, um sein eigenes Zeug etwas besser einordnen zu können.

André:                         Es gibt haufenweise Einflüsse und die sehen auch bei jedem von uns anders aus. Das ist mal Fluch – wenn man z. B. bei Songwriting-Diskussionen einfach nicht zu einem Nenner findet, weil jeder eine andere Vision vor Augen hat –, oft aber auch Segen, denn ich glaube, dass der bunte Mix dessen, was wir privat hören, uns zu einem eigenständigen Stil verhilft, wenn auch eher unterbewusst. Und das mit dem Deutschsprachigen geschah meiner Einschätzung nach ganz von alleine. Wir sind nun mal Muttersprachler im Deutschen und glauben daran, dass man in seiner Muttersprache immer noch die authentischsten Lieder schreiben kann. Bei mir konkret kommt da an Vorbildern vieles zusammen: Was die Texte/Gesänge angeht, stehen dann schon eher deutsche Lieblingsbands à la Muff Potter oder Schrottgrenze Pate, beim Gitarrenspiel gucke ich mir hingegen gerne mal was von meinen internationalen Helden wie Neil Young, The Cure oder Modest Mouse ab ... oder versuche es zumindest. (lacht)

Jannis:                        Ich spiele Schlagzeug. Over ’n’ out. (lacht)

Luserlounge:            Die Hamburger Musikszene ist ja nun nicht gerade klein und hat einige sehr bekannte Acts am Start. Gibt’s da schon Berührungspunkte, z. B. gemeinsame Auftritte?

Marius:                        Ich glaub’, sowohl Udo Lindenberg als auch Jan Delay sind mal an mir in St. Pauli vorbeigelaufen. Für ’nen gemeinsamen Auftritt hat dieses Networking jedoch nicht gereicht. Arrogante Säcke!

Luserlounge:            Wo ich gerade schon Auftritte angesprochen hatte: wo kann man Euch denn demnächst mal live sehen?

Björn:                          Am 19. November spielen wir in Hamburg ein Soli-Konzert mit den Leuten von Spandau für Pro Asyl, da freuen wir uns sehr drauf. Außerdem haben wir es für dieses Jahr endlich geschafft, ein Konzert im Husumer Speicher um die Weihnachtszeit zu organisieren – am 17. Dezember, das wird „Homecoming“ at its best!

Marius:                        Da werden wir dann Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen supporten! Außerdem haben wir die Ehre, am 8. Dezember für die wunderbaren Delorentos aus Irland in der Molotow SkyBar zu eröffnen. Das wird schön!

Jannis:                        Genau, für diesen Auftritt lasse ich sogar eine Weihnachtsfeier sausen. Oh nein ...

Luserlounge:            Auch wenn Ihr gerade erst ein Album veröffentlicht habt, richtet Ihr den Blick ja sicher auch nach vorne. Sind schon neue Songs in Planung und wie läuft der Songwriting-Prozess bei Euch ab?

André:                         Wie ich eingangs schon sagte, sind die Lieder auf „Ziehen Sie ’ne Nummer“ allesamt etwas älter. Deshalb haben sich tatsächlich schon zwei neue Songs in unsere Live-Sets gemogelt. Zwei weitere befinden sich zurzeit im Proberaumstadium und von mehr oder weniger fertigen Song-Ideen hat noch jeder von uns Zuhause ’nen Keller voll! (lacht) Im Prinzip kann das zweite Album also bald kommen.

Björn:                          Um ehrlich zu sein, kann ich kaum die Füße still halten, was neue Songs angeht! Da ist einiges passiert seit den Albumaufnahmen und am liebsten würde ich damit sofort nach vorne preschen. Aber ein bisschen Geduld ist da wohl leider noch gefragt. Auch beim Songwriting hat sich was getan: fürs erste Album sind die meisten Songs noch eher in Einzelarbeit entstanden und die Anderen aus der Band wurden erst recht spät eingebunden. Mittlerweile passiert da mehr zusammen und jeder kann sich mit seinen Stärken einbringen, das macht auch echt mehr Spaß!

Luserlounge:            Mal ein ganz anderes Thema: Wie schaut’s bei Euch in Sachen Fußball aus? Interessiert? Fans? Die luserlounge-Redaktion besteht ja aus München Blau, München Rot und St. Pauli. Habt Ihr da was beizusteuern?

Jannis:                        Hätte man mir vor 15 Jahren diese Frage gestellt, hätte ich Euch stundenlang von Kahn, Ballack und Co. erzählen können. Jetzt ist das anders – auf das eine oder andere St. Pauli-Spiel gehe ich schon, aber mehr als, wo das Millerntorstadion ist, weiß ich über Fußball nicht ... 

André:                         Wenn ich mich für eine Sache so gar nicht interessiere, dann ist das Fußball. Sorry! Ganz so anti wie Björn, der ja an WM-Spielen bewusst trotzig etwas anderes macht, bin ich zwar auch nicht, aber da fragst Du dennoch den komplett Falschen.

Björn:                          Da der HSV ja „unabsteigbar“ ist (hust), kann man sich als Hamburger getrost zurücklehnen und sich Wichtigerem widmen. Und das mit der WM ist weniger Trotz als vielmehr die Ausnutzung der seltenen Gelegenheit: Wann hat man schon mal die ganze Stadt für sich, weil alle vor dem Fernseher hocken?!

Marius:                        Sonntagabends beim Tatort? Hach, deutsches Fernsehen. Fazit: Kommando Kant sind die unsportlichste Band Deutschlands. Wobei: Schaut Jochen Distelmeyer nach einem anstrengenden Tag als Diskurs-Popper abends Sportschau?

Luserlounge:            So, dann kommen wir langsam zum Ende, aber ein paar zackige Stichworte habe ich noch mit der Bitte um spontane Antworten und kurze Erklärungen:
1. Song des Jahres
                                    2. Album des Jahres
                                    3. Konzert des Jahres

André:                         Puuh, ich fange mal andersrum an. Mein bestes 2016-Konzert bisher war Kristofer Åström hier in Hamburg. Der hat einfach richtig gute Musik gespielt, Punkt. Keine große Show, kein Geschnörkel oder Gepose, nur gute Musik und zum Schluss noch ein Cover von The Cures „Lovesong“. Bei der tollen Frage nach dem Album ärgere ich mich, dass ich’s immer noch nicht geschafft habe, mir die neue Iggy Pop und die neue Wintersleep anzuhören! Sicher heiße Kandidaten. Tja, dann fällt die Wahl wohl auf Kommando Kants „Ziehen Sie ’ne Nummer“! (lacht) Und bei Song des Jahres würde ich einfach mal spontan Spion Spion mit „Selbst meine Mutter“ nennen und liebe Grüße nach Köln/Siegen raushauen!

Björn:                          Das Abschiedskonzert von Findus im Hamburger Uebel & Gefährlich – toll und traurig zugleich.

Marius:                        Jannis und ich haben erst vor ein paar Wochen die Swans aufm Kampnagel gesehen, das war extrem. Außerdem hat der große Max Rieger bzw. All diese Gewalt mit „Welt in Klammern“ lässig das Album des Jahres aus dem Ärmel geschüttelt.

Jannis:                        GoGo Penguin haben mir im Mojo Club, auch in Hamburg, zu Anfang des Jahres den Atem geraubt! Richtige Freaks!!!

Luserlounge:            Super, vielen Dank. Wir wünschen Euch alles Gute und hoffen, dass wir Euch demnächst auch auf der Bühne zu sehen bekommen. Liebe Grüße ganz aus dem Süden in den Norden.

Björn:                          Wir haben zu danken! Beste Grüße zurück.




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