Mittwoch, 7. September 2016

Matthias Arfmann - "Ballet Jeunesse"


(ms)  Jetzt mal ganz ehrlich, und ich versuche für alle zwischen 18 und 35 zu sprechen: Die wenigsten von uns waren je im Ballet, Oper oder Tanztheater oder gehen dort regelmäßig hin. Okay, ins Theater gehe ich ab und an. Es ist zugegeben auch keine wiederkehrende Freizeitbeschäftigung von denen, die mit Blur, Oasis, Tomte oder Tocotronic aufgewachsen sind. Einige dieser Bands hat es schon hin und wieder ins Theater gezogen, um bei einigen Inszenierung musikalisch mitzuwirken. Wenn es dann ausverkauft war, sind die Zugpferde vermutlich auch die Musiker und nicht das Stück dahinter.
Dabei gibt es so viele ästhetische und musikalische Schätze der klassischen Musik oder des Ballet, die es wirklich in sich haben und jeden - wirklich jeden - im Nu mitreißen können.

Wie genau Matthias Arfmanns Gedankengang war, weiß ich nicht. Vielleicht war er ähnlich, angeblich war eine Grundlage, wie man es heute schaffen kann, Klassiker von Prokofiev oder Tschaikovsky in die Spotiy-Playlisten neben aktuelle Pop-Größen zu platzieren. In den 90ern produzierte Arfmann noch Blumfeld und die Absoluten Beginner, jetzt will er das Ballet reanimieren und gewissermaßen hip machen. Dazu holte er sich unter anderem Jan Delay und Kele Okerke (Block Party) ins Boot. Das Ergebnis: "Ballet Jeunesse", ein Album mit 17 Tracks, davon vier mit mehr oder weniger viel Gesang und 13 instrumental.




Die Verbindung Ballet und im weitesten Sinne Popmusik. Was für eine Mammutaufgabe. Es verwundert nicht, dass der Produzent und Mastermind dahinter sieben (in Zahlen: 7!) Jahre daran gearbeitet hat. Dass das allein nicht funktioniert, ist klar. So hat er für die Arrangements David Achinger, Sebastian Maier, Peter Imig und Milan Meyer-Kaya engagiert. Alle zusammen haben mit dem Filmorchester Babelsberg die Neuarrangements eingespielt.

Wie klingt das nun, und gehört es wirklich auf unsere Playlist?
Aus einem opulenten Werk wie "Der Nussknacker" von Tschaikovsky muss eine Essenz gewonnen werden, um den Kern plus das Neuartige in dreieinhalb Minuten zu packen. Ähnlich verhält es sich mit "Carmen" oder "Der Schwanensee". Von all den Klassikern hat man von der eigenen Tante oder in der Schule mal etwas mitbekommen, sie sind bekannt.
Der Klang ist am besten auf dem ersten Stück, beim "Nussknacker" zu hören. Leise fängt der Evergreen an, das Thema kommt einem bekannt vor. Dann setzt sanft ein Bass ein, verschwindet wieder, taucht wieder auf, wird dominanter, andere Effekte steigen ein, bis das Werk fast entfremdet wird.
Das vielleicht stärkste und prägnanteste Werk auf "Ballet Jeunesse" ist allerdings "The Lure". Das Original stammt von dem eher unbekannten Komponisten Gustav Holst und sucht auf dem Projektalbum was Dramatik und Opulenz anbelangt seinesgleichen. Es hilft möglicherweise sich das Original zu Gemüte zu führen:



Doch insbesondere in den Tracks mit Gesang, die ja nun in unsere Playlist sollen, steckt der Knackpunkt. Sie sind zum Teil durch Effekte, Synthie-Klängen, Soundschnipseln und zu guter Letzt mit dem Gesang an sich soweit vom Original entfernt, dass es nur noch selten herausblickt. Jan Delay und Schorsch Kamerun sprechen nur bei ihren Songs, singen nicht einmal, es kommt einem Hörspiel gleich.

Das eigentlich Beachtenswerte sind also die 13 Instrumentals.
Und ja, sie haben teils Ohrwurmcharakter, lassen aber nicht das Tanzbein schwingen, wollen es sicherlich auch gar nicht.
Am 21. September wird "Ballet Jeunesse" auf dem Reeperbahn Festival uraufgeführt. Wie der Plan danach ist, ob es eine Tour gibt oder es Einzug erhält in die Theater der Republik... wir verfolgen dieses vielseitige Projekt aufmerksam.
"Ballet Jeunesse" ist nichts für jeden. Die, die schon einen Einblick in die Klassik haben, tun sich bestimmt leichter daran, einen Zugang zu finden. An alle anderen: Traut Euch!

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