Donnerstag, 11. Februar 2016

David Foster Wallace – "Signifying Rappers"

Schoolly D, Quelle: medium.com

(ms) Gangster Rap. Oder Gangsta Rap? Ist wahrscheinlich ziemlich egal. Hierzulande kam dieses Musikphänomen etwa vor 15 Jahren auf. Als Sido noch Maske getragen hat und über Carmen sang. Da war Aggro Berlin vielleicht wirklich ein wichtiges Label. Das Märkische Viertel als Epizentrum der üblen und anrüchigen Zeilen. Schnell wurde sich öffentlich drüber echauffiert und seltsam beäugt. Später waren die harten Jungs dann nicht mehr so Gansta. Vielleicht Bushido noch, oder hat der noch Schulden bei den Abou-Chakers?

Es fällt einem schnell leicht die deutsche Gangster-Rap-Welt zu belächeln, wenn man sich die Anfänge in den 80er Jahren in den USA ansieht. Nicht nur, da es dort wirklich zur Sache ging und einige Protagonisten gestorben sind. Die Sozialstruktur der Großstädte sind wohl noch heftiger als in Deutschland. Die schwarzen Minderheiten – insbesondere an der Westküste, Stichwort Compton – hatten keine Chancen. Das Ergebnis waren Gewalt, Rassismus, Drogen und keine Aussichten für die Zukunft. Schoolly D war der erste, der für diese Situation Musik als Ausdrucksform gefunden hat. „Signifying Rappers“ und „P.S.K. – What does it mean?“ gelten als die Grundsteine des Gangsta Raps. Inhaltlich wirklich hart und gezeichnet. Anstößig, erschreckend.

Der damals junge Student David Foster Wallace war seit der ersten Stunde angetan. Als er noch mit Mark Costello zusammen gewohnt hat, schreib er ein gut 200-seitiges Werk genau darüber. Die deutsche Übersetzung hat die wunderbare Unterüberschrift „Warum Rap, den sie hassen, nicht ihren Vorstellungen entspricht, sondern scheißinteressant ist und wenn anstößig, dann bei dem, was heute so abgeht, von nützlicher Anstößigkeit“. 1993 hat Wallace dieses Riesenessay verfasst. Es war die Zeit von Ice Cube, N.W.A., Africa Bambaataa, Public Enemy und Eazy E. Heftige Texte, die aufrütteln und die wahre Situation der Schwarzen in ihren Ghettos beschrieb. Wallace war angefixt, hat viel Rap gehört und in diesem Text, der mittlerweile als Buch vorliegt, verarbeitet. Dies so unglaublich facettenreich, wie man es sich nur vorstellen kann. Textanalyse, soziale Verhältnisse, Radio- und TV-Beiträge. Für den fernsehsüchtigen Wallace selbstverständlich.

„Signifying Rappers“ ist ein fantastisches Buch. Geeignet für: Rap-Freunde, Musiknerds, DFW-Nerds und alle, die mal was anspruchsvolles über Rap lesen wollen, wo er wirklich bedeutend war und für Gesprächsstoff gesorgt hat. Nicht immer leicht zu lesen, und vielleicht wäre ein offener Wikipedia-Tab nebenbei hilfreich, um alles zu verstehen. Nicht nur sprachlich, was bei Wallace ja immer extrem niveauvoll ist, sondern auch inhaltlich. Sozial-geschichtliche Umstände in den USA Ende der 80er, Anfang der 90er sind wahrscheinlich nicht jedem geläufig.

Es geht um amerikanischen Rap in seiner Urform. Keine fett ausgearbeiteten Beats, Blingbling und Massenumsatz. Eminem war bei Fertigstellung des Textes übrigens erst 21.

"Signifiying Rappers" in der deutschen Übersetzung ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.

Quelle: intellectures.de

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