Freitag, 15. Januar 2016

Rezension: MINT Magazin Ausgabe 1

Quelle: deutschlandradiokultur.de


(ms) Ich höre Musik auf CD, Vinyl und für unterwegs selbstverständlich als mp3-Format. Alle haben Vor- und Nachteile bezüglich Format, Qualität, Praktikabilität. Die CD ist tot, Downloads funktionieren auch nicht so wie erhofft, Streaming boomt enorm und die gute, alte Schallplatte erlebt wieder einen ungeahnten Höhenflug.
Und jetzt habe ich eine Frage: Wie nennt man das, wenn man etwas gelesen hat und dies dann sein eigenes Handeln beeinflusst? Beispiel: Vor gut zwei Wochen habe ich mir die erste Ausgabe der MINT Zeitschrift für Vinylkultur zugelegt, sie aufmerksam und interessiert in wenigen Tagen durchgelesen und anschließend ausschließlich Vinyl gehört. Viele Alben oder Songs habe ich gar nicht auf Platte, sondern nur auf dem Silberling oder auf dem Rechner. Egal. Irgendwie hat es das Lesen präsenter gemacht. Weiß jemand, wie man das nennt?!

Die Dialog GmbH aus Dortmund hat es sich mit Gunnar Schulz als Chefredakteur und Michael Lohrmann als Herausgeber zur Aufgabe gemacht, jährlich acht Ausgaben für eine Zeitschrift über Vinyl herauszugeben.
"Ach", wird man da denken, "Da sind einfach ein paar hippe Vögel auf den Vinyl-Hype-Zug aufgestiegen, haben sich ein paar frische Gedanken für Layout, Berichterstattung und Reportagen gemacht. Alles Bärteträger mit zugeknüpftem Karohemd und Röhrenjeans."
Tja. Komplett falsch gedacht.
Das Team hinter MINT ist im Durchschnitt 40-50 Jahre jung und positive Nerds. Freaks. Platten-Sammler. Messis mit Geschmack und System. Hier ist keiner auf irgendeinen Zug gesprungen, nicht mal davor. Denn die - meistens - Herren dahinter hören nicht seit ein paar wenigen Jahren Vinyl, sondern Jahrzehnte, besitzen Sammlerstücke, sind Musikverrückte. Dass der Zeitraum dennoch passend ist, lässt sich nicht leugnen.
Was bekommen wir also zu lesen?
Interviews, Reportagen, Rezensionen, Ausblicke. Das, was man auch irgendwie erwartet.
Die Auswahl dessen macht diese Zeitschrift aber lesenswert und besonders. Den Wahn auf der Vinyl-Börse in Utrecht, ein erstaunliches Portrait über John Cremer, der sicherlich nur Insidern bekannt ist, aber viel zu erzählen hat von Pink Floyd bis Herbert Grönemeyer. Bücher über Schallplatten werden toll kritisiert und das Herzstück der ersten Ausgabe ist sicherlich die Diskussion "Ist Vinyl auf dem Peak". Damit macht das Magazin keinen Hehl daraus, in welcher Zeit es selbst erscheint. Wir wollen hier keine Inhalte vorwegnehmen. Kauft euch dieses Magazin, das ist es definitiv wert und mit 4,90€ auch wirklich erschwinglich. Ich habe mit mehr gerechnet.
Nur eines muss einfach vorweg gesagt werden: Man liest hier nichts über Alt-J, Wanda, Momfort and Sons, Annenmaykantereit. Nein, kein Wort. Es ist ein Magazin, das sich mit der Schallplatte als Musikmedium beschäftigt und nicht mit den neusten Hypes, oder das, was bald der nächste heiße Scheiß sein könnte. Zum Glück. Dazu kann man was anderes lesen.
Ein Einwand wird erhoben gegen die MINT und ihr Konzept: Dass die Macher und Autoren allesamt eingesessene Rock- und Indie-Hörer sind, wo hingegen DJs und Electro die Schallplatte über die 90er und 00er Jahre am Leben gehalten haben. Den Einwand finde ich okay, aber wiegt nicht schwer.
Für Vinyl-Liebhaber und die, die es noch werden, hat das MINT-Team eine wirklich lesenswerte, großartige Zeitschrift ins Leben gerufen. Es besticht mit Spartenwissen, mit dem man Leuten auf die Nerven gehen kann und Nerdwissen, das Nerdwissen bleibt. Und wenn ihr Sammler seid: Keine Sorge, hier werden richtig schräge Vögel vorgestellt.
Wir sind sehr gespannt, mit welchen Inhalten sie in den kommenden Ausgaben überzeugen wollen.

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