Montag, 21. Dezember 2015

Der große musikalische Rückblick 2015, Teil 21: Therapy? live - happy people have no stories!

www.therapyquestionmark.co.uk

(sf) 17.12.1994, Terminal 1, München-Riem - die Location ist schon lange Vergangenheit, das Datum aber wird immer präsent bleiben, denn an diesem Abend sah ich meine Lieblingsband THERAPY? erstmals live und knapp 40 weitere Konzerte der Nordiren sollten seitdem folgen. Nachdem die Band ihr Über-Album "Troublegum" bereits mehrfach in voller Länge auf die Bühne gebracht hatten, war nun, pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum, der großartige Longplayer "Infernal Love" an der Reihe. Keine Frage: da musste ich hin und neben dem Schwelgen in alten Zeiten lernte ich endlich einige langjährige T?-Internetbekanntschaften persönlich kennen und verlebte einen unvergesslichen Tag in London.

Foto: privat
Doch der Reihe nach: 19.12., 6 Uhr, der Wecker klingelt, die Nacht war kurz, aber der Flieger in
Memmingen startet halt ggf. auch ohne uns und so machen wir, d. h. meiner bester Freund Manuel und ich, uns auf den Weg ins Allgäu, um von dort aus gen Stansted zu jetten. Der irische Low Budget-Bomber lässt so etwas wie angenehmes Sitzes nicht mal ansatzweise zu und so sind wir froh, das Sardinendosenfeeling nach eineinhalb Stunden wieder ablegen und uns per Bus Richtung Stadt kutschieren lassen zu können. Wann hat man schon mal so einen Überlandbus ganz für sich alleine? Mag wohl daran gelegen haben, dass wir nicht Richtung Innenstadt gefahren sind, sondern vor das Vergnügen Konzert noch das Vergnügen Fußball gesetzt haben und deswegen zunächst in den Stadtteil Leyton wollten. So passierten wir die olympischen Sportanlagen von 2012 und landeten schließlich mit dem Umweg über ein geschmeidiges Pub (John Smith lässt grüßen!) im Schmuckkästchen Matchroom Stadium, wo wir einem dürftigen 1:1 des Heimteams Leyton Orient gegen den Abstiegskandidaten Yeovil Town beiwohnten. Immerhin bekamen wir vor dem Spiel von einem Passanten zwei Tribünentickets geschenkt und kamen so gratis in den Genuss von Viertligafußball - pro Ticket also unverschämte 24 Pfund gespart.

www.therapyquestionmark.co.uk
Danach gings dann aber endlich Richtung Camden und Electric Ballroom, wo es ungewohnt früh losgehen sollte, da nach dem Konzert noch eine regelmäßige Partyreihe stattfinden sollte. Einlass also 18 Uhr, Beginn 19 Uhr, Therapy? um 20.15 Uhr und Ende der Veranstaltung um 22 Uhr. Interessant, denn da fangen bei uns die Hauptbands ja erst an zu spielen...

So blieb uns nach der Ankuft in Camden gerade mal ne halbe Stunde, um über den Lock Market zu schlendern, eine kulinarische Grundlage für das Gelage später zu legen und wieder zurück zur Location zu marschieren. Dort angekommen liefen wir erstmal Marc, dem Dortmunder T-Shirt-Designer von Therapy?, Petri aus Finnland und seiner Liebsten Kati, sowie Dave aus Paris und Claudia und Nicole aus Nürnberg über den Weg, die allesamt ebenfalls den Weg nach London auf sich genommen hat, um an diesem Abend dabei zu sein. Mit Robbie und Roxy aus Belgien trafen wir zudem auf zwei alte Bekannte, die ich nun schon seit über 15 Jahren von den T?-Konzerten kenne und bei denen ich mich immer ganz besonders freue, sie wiederzusehen.

Punkt 19 Uhr betrat dann die Vorband BLACK SPIDERS aus Sheffield die Bühne, legte ein brachiales Set hin und nutze den englischen Heimvorteil, um bereits für ordentlich Stimmung im Electric Ballroom zu sorgen. Ihr könnt die Herren ja mal googeln und Euch selbst ein Bild von ihnen machen.

Foto: Michael Vincent
Um 20.15 Uhr war es dann endlich so weit: Andy Cairns, Michael McKeegan und Neil Cooper
starteten mit "Epilepsy" in den ersten Konzertteil, in dem das Album "Infernal Love" in voller Länge und richtiger Reihenfolge zum Besten gegeben wurde. Mit "Stories" wurde der erste Höhepunkt schon sehr früh erreicht, doch auch "Misery", "Loose" und das bekannte Hüsker Dü-Cover "Diane" sorgten für Begeisterungsstürme. Es ist schon irgendwie seltsam, wenn man auf einem Konzert ganz genau weiß, was als Nächstes kommen wird und man sich schon mal darauf einstellen kann, was man als nächstes mitgröhlen wird. Meine Stimme ist heute - zwei Tage nach dem Konzert - auf jeden Fall immer noch nicht ganz wiederhegestellt und das Fiepen in den Ohren lässt auch nur langsam nach. Aber was solls? Samma ja ned zum Spaß da!

Mit "30 Seconds" wurde das erste Set nach knapp 50 Minuten beendet und nach fünf Minuten Pause ging es weiter - diesmal mit Songs aus dem aktuellen Album "Disquiet" und zahlreichen Klassikern, die auf keinem Therapy?-Konzert fehlen dürfen. Man konnte förmlich spüren, wie viel Spaß die Band auf der Bühne hatte, wie sie immer wieder bekannte Gesichter im Publikum entdeckte und die Crowd antrieb, für Lärm zu sorgen. "Die Laughing", "Teethgrinder", "Nowhere", "Potato Junkie" und "Screamger" - ein Höhepunkt folgte nun dem nächsten und sogar der langjährige Freund der Band und Merchandiser "Diamond Dave" Thompson, der nach schwerer Kranheit endlich wieder fit ist, hatte seinen großen Auftritt und durfte in überragend-rotziger Manier Liam Gallagher parodieren und "Acquiesce" von Oasis performen.




Um 22 Uhr (gefühlt war es ca. 2 Uhr morgens...) war dann Schluss! Wahnsinn eigentlich, wenn der halbe Abend noch vor einem liegt... Also ab zur Backstage-Aftershow-Party mit der Band und ihren Freunden, wo man den drei Nordiren und ihrer Crew durchaus ansah, wie beeindruckt sie waren, dass sich so viele Menschen aus allen Ecken Europas auf den Weg gemacht haben, um sie in London live zu sehen. Ich persönlich finde es auch immer wieder bemerkenswert und beeindruckend, wenn Andy, Michael und Neil von sich auf ihre Fans zugehen, sich für den Support bedanken und sich auch die Zeit nehmen, Gespräche zu führen, die über eine normale Band-Fan-Beziehung hinausgehen.

Ca. 4 Biere später dann nochmal Tapetenwechsel: vom Electric Ballroom zog der Therapy?-Tross weiter in den Punkschuppen Underworld. Die lange Schlange am Eingang ließen wir im Schlepptau der Band links liegen, Eintritt ging aufs Haus (bzw. auf T?) und in den Kellergewölben ging die Party weiter, bis wir zum Bus mussten, der uns wieder nach Stansted bringen sollte. Ein Hotel hatten wir wohlweißlich gar nicht erst gebucht, denn bereits um 6.35 Uhr hoben wir wieder ab gen Memmingen und ließen ein legendäres Partywochenende todmüde aber glücklich ausklingen...




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