Sonntag, 19. April 2015

Record Store Day - Der Tag danach

Quelle: recordstoredaygermany.de
(ms) Mein Plattenladen des Vertrauens macht in der Regel am Samstag um 11 Uhr auf. Eine super Zeit, wer will denn auch früher raus? Doch gestern war nicht nur das etwas anders. Um halb zehn konnte man die heiligen Hallen von Green Hell (Münster) betreten: Es war Record Store Day. Wir müssen euch sicherlich nicht erklären, was das ist; zu den Pros und Contras kommen wir später noch.
Ich war gegen 10:20 Uhr anwesend und sah draußen eine Schlange bestehend aus fünf, sechs Leuten. Ich fragte, ob noch es geschlossen sei oder voll ist? Die Antwort war: Voll. Aber sowas von! Der Laden an sich ist schon nicht besonders groß, dafür aber sehr gut sortiert von HipHop über Indie, Hardcore bis Metal. Also hieß die Devise warten, immer einer raus und dann einer rein. Als es dann geschafft war musste man sich natürlich wie ein wildes Tier stürzen auf das, was angeboten wurde. Darauf haben die Läden nämlich keinen Einfluss. In meinem Fokus war die Kettcar Werkschau mit allen Alben auf Picture-Vinyl, natürlich ein Sammler- und Liebhaber-Stück: Leider nicht mehr vorhanden, Pech gehabt. Dabei konnte man aber zahlreiche Leute - überwiegend Männer zwischen Mitte zwanzig bis Mitte vierzig - sehen, die genüsslich die immer leerer werdenden Kisten durchstöberten, es ist immer wieder ein schönes Gefühl, das Spotify einem niemals bieten kann! Dennoch wurde ich mit der Olli Schulz- und der Wanda-Single glücklich, die für den gestrigen Tag gepresst worden sind.
Was mich etwas verwundert hat, war, dass keine großen Diskussionen oder Gespräche unter den Schatzjägern aufgekommen sind. Vielleicht war es das stille Staunen über den Andrang und den Zauber ein paar Habseligkeiten entdeckt und für sich gesichert zu haben...

Glücklich!
Na klar, es gibt viel Kritik am Record Store Day, der auch hierzulande 2007 das erste Mal abgehalten worden ist. Auf der einen Seite sind die Longboad fahrenden Rauschebartträger, die nur noch Vinyl hören, weil man das in Kreuzberg so macht (oder so) und auf der anderen Seite einfach große Freunde der Musik, Fans, Sammler, die es genießen eine gute Platte über eben jenen Spieler ablaufen zu lassen und sich dafür die nötige Zeit nehmen, nach einigen Minuten die Platte wenden, sich drüber freuen, wenn sie farbig oder in einer Special Edition erschienen ist, am besten limitiert, damit man zu den fünfhundert komischen Menschen gehört, die dieses Stück besitzen, wovon die meisten Ottonormalverbraucher noch nie gehört haben: Egal! Über eine bessere Hörqualität von Vinyl kann man streiten, die CD ist immer noch ziemlich tot, Downloads haben sich nicht wirklich durchgesetzt und die Streamingdienste erfreuen sich großem Zulauf, aber keiner Rendite. Der Vinyl-Markt hingegen steigt seit ein paar Jahren wieder, ist aber immer noch Nische.
Mit einem Tag im Jahr auf eben jene physischen Musikträger aufmerksam zu machen, ist doch prinzipiell eine gute Idee. Und auch, dass dafür extra ein paar neue Sachen erscheinen. Wobei: wenn man sich die Liste der Veröffentlichungen für dieses Jahr ansieht, dann gibt es doch einen großen Teil an Wiederveröffentlichungen (David Bowie, Pulp, Bee Gees, Bob Dylan, Frank Sinatra, ...). Viele kritisieren hier, dass eben diese Platzhalter die wenigen Vinylpresswerke mit Aufträgen überhäufen und kleinere Labels und Bands hinten anstehen. Ja, das mag sein, aber liebe Leute, das ist nur ein Mal im Jahr so. Als ob es zu Weihnachten immer einen kratzigen Pulli von Oma geben würde...
Noch mehr Kritik: Warner, Sony und Universal sind dieses Jahr Partner des Record Store Days. Hier berechtigt, muss man sich aber nicht drüber aufregen, kleinere Labels kommen ebenso zum Zug.

Also: Der Record Store Day ist eine schöne Einrichtung, wo jedes Jahr alle kleinen Plattenläden zum Mekka der Musikindustrie mutieren. Ein schönes Gefühl. Und an all die, die das doof finden: Ihr müsst ja nicht hingehen!

PS: Die Kettcar-Werkschau gibt's auch noch beim Grand Hotel van Cleef zu ordern!

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