Freitag, 13. Februar 2015

Kante, "In der Zuckerfabrik", Theatermusik vom allerfeinsten!

(ms) Man sollte wirklich mehr ins Theater gehen. Wann war ich denn das letzte Mal im Theater? Das ist schon wirklich lange her, mit der Schule wahrscheinlich mal. Das ist streng genommen wirklich dumm, weil es sich immer lohnt die lokalen Kulturanbieter zu unterstützen und seinen Horizont mal zu erweitern, verloren ist dadurch nichts.
Nun ist Theater es nicht nur der schauspielerisch-literarischen Aspekten künstlerischen Schaffens verpflichtet, sondern auch der Musik. Ein Detail, das schnell mal vergessen wird aus unterschiedlichen Gründen, denn es gibt viele Stücke, die ohne jegliche musikalische Begleitung auskommen und die Zeit der vollen Orchestergräben ist auch Geschichte. Früher (also richtig früher) wurde selbst im Kino neben der Leinwand musiziert, heute nicht mehr auszudenken.

Quelle: spex.de
Damit sind wir mitten im Thema und bei der Hamburger Musikinstitution Kante. Deren richtiges letztes Studioalbum ist mit "Die Tiere sind unruhig" nun schon neun Jahre her, 2006. Das ist wirklich lang, aber hier kommt ein alt bekannter Satz erneut zu Tage: Faul waren die Herren um Peter Thiessen auf keinen Fall! Seit 2007 haben sie nämlich bei unterschiedlichen Theateraufführungen und -stücken die Musik geschrieben und in nur sich leicht ändernder Besetzung immer auch live jene im Theater gespielt. Den ersten musikalischen Eindruck auf Silberling gab es im selben Jahr mit "Kante plays Rhythmus Berlin", ein starkes Stück Musik im Stile der 20/30er Jahre.

Nun haben sie nachgelegt. Und wie!
"In der Zuckerfabrik" ist am 6. Februar erschienen und bietet mit fünfzehn Stücken aus unterschiedlichen Inszenierungen wirklich ein breites literarisches als auch musikalisches Schaffensspektrum. Vom Walzer, über ganz ruhige Balladen bis zu völlig wilden, dissonanten Stücken zwischen zwei und sechs Minuten. Für folgende Stücke haben Kante unter anderem die Musik geschrieben, die Texte waren ja nun schon vorgegeben: Candide oder der Optimismus (Voltaire), Dämonen (Dostojewski), Wilhelm Meister Lehrjahre (Goehte), Black Rider (Tom Waits u.a.). Eine wesentliche Rolle (haha, doppelter Witz) spielte bei der Entstehung und dem Engagement am Theater Friederike Heller, die die Hamburger ab 2007 zu verschiedenen Aufführungen überzeugen konnte.



Nun aber zur Musik.
Vorab ist natürlich zu sagen, dass wenn man die Stücke nicht kennt eine Verbindung zu diesen und ein Bild vor Augen von einer gefüllten Bühne eher schwer ist. Aber das macht nichts, denn die Songs sind so wahnsinnig gut, dass sie auch vollkommen alleine und unabhängig von der Schauspielkunst funktionieren. Die altbekannten Stärken der Band (Dynamik, Intensität, Genauigkeit, Abwechslung, musikalische Klugheit) kommen hier vollstens zur Geltung. Der Opener "In der Zuckerfabrik" steht quasi für das Album, verbindet krachende Gitarren mit sanften Passagen, klaren Gesang, ebenso "Morgensonne". Experimentell scheint "Das Lied vom Sankt Nimmerleinstag" und gerade weil es so schief und krumm klingt, setzt es sich binnen Sekunden zwischen den Ohren fest. Das "Lied vom achten Elefanten" erscheint in seiner Schönheit und gewissen textlichen Absurdität, "Donaudelta" erinnert an  "Im Inneren der Stadt", jetzt nur mit einer Aufzählung von Flüssen. Gewagt ist es natürlich ein Lied aus dem Stück "The Black Rider" von Tom Waits zu vertonen, da Waits selbst natürlich ein Großmeister ist, ihm würde die Kante-Version aber mit Sicherheit gefallen!

"In der Zuckerfabrik" ist kein reines Studioalbum und daher als ganzes natürlich schwer zu bewerten. Dass es allerdings wieder ein musikalisches Lebenszeichen der Band vereint mit dieser Stärke in den Songs gibt, reicht aus um ein Kandidat für das Album des Jahres zu werden. Angeblich sind neben dem Auftritt im Hamburger Schauspielhaus noch mehr Konzerte geplant, zu wünschen ist es!

Ich glaube, ich gehe bald mal wieder ins Theater!

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