Montag, 18. August 2014

Taubertal Festival 2014. Gelebter Eskapismus.



(mb) Rothenburg ob der Tauber. Ein paradoxer Schauplatz, denn alljährlich verwandelt sich das Tal unterhalb des schnieke herausgeputzten Weltkulturerbe Städtchen zu einer Festivalwahnsinn  Tollwiese, bei der Heavy – Mettler zu Casper springen und graue Mäuschen bei Enter Shikari den Mosh Pit stürmen. Das Taubertalfestival. Sagenumwoben, als schönstes, idyllischstes Festival angepriesen, gemütlich und zugleich verrückt, so wurde es an meine Luser getragen. Und es stimmt was Sie über dich sagen.
Ich habe das vergangene Wochenende mal aufgenommen, press play:

Schwarze Becksverkäufer ohne Weed


Ankunft am Freitag. Die eingefleischten Fans waren vorab etwas erbost, da nicht wie üblich bereits am Mittwoch angereist werden konnte. Lärmschutz und so, Fucking Political Correctness ist echt überall. Wir brauchen alle mal wieder eine Meinung sag ich euch! Eine polarisierende, vor allem! Für mich als Taubertal Jungfrau war die Anreise stressfrei, Quechua Zelt elegant aus den Händen fallen lassen, erstes Dosenbier geöffnet und schon macht jeder Schluck Glück Glück Glück. In weiterer Folge haben wir konträr den ganzen veganen Hipster Trend den Grill ordentlich mit Kohle befeuert, dass unsere gierigen Schlünde ausschließlich Fleisch heruntergeschlangen. Daraufhin gab´s ca. zehn Bier, Details würde sämtliche Jugendschützer auf den Plan rufen. Gestartet hat das Festival mit dem Abstieg ins Tal vor pittoresker Kulisse und hochjubelnden Gefühlen bei Jimmy Eat World. Melancholische Erinnerungen aus Pickel pubertärer Vorzeit zogen bei „The Middle“ wie ein Film durch meinen Kopf, als  SkatePunk auch in bayrischen Vorstädten einzog, in denen niemand dir die Vorfahrt nimmt und die Jugend etwas frivoler und freier machte. Wieder zurück zur Story.
Schwarze Becksverkäufer jagten derart wuselig über das Gelände, das zu vermuten ist, dass ihr Gehalt nur mit einer adäquaten Menge verkaufter Becher rentabel ist. Anyhow, Me and the boys never had an empty glass of beer. Atemlos ging es weiter durch die Nacht, ehe der weite Aufmarsch zum Steinbruch uns doch ein wenig ermüden ließ, aber wenigstens war der Kaffee noch warm, verdammt.

Maulscheißvogel und Anker


Samstag. Was hilft gegen Kater? Bier. Definitiv. Konterhoibe. Oder Kontermaß. Oder Konter drei Hoibe auf Ex. Dann passt´s scho wieder. Schlimm nur, dass der Maulscheißvogel über Nacht wieder auf weiten Teilen des Geländes sein Unwesen getrieben hat und etliche junge Herren großartige Trompetenspieler sind. Der Tag wurde sonniger, die Harre blonder, der Oberkörper röter, die Stimmung besser. Irgendwann, Füße in der Tauber sitzend, Weizen in der Hand, Sonne im Gesicht, Rückenwind fürs Leben. Ein wohlig-warmes Gefühl umspülte mich, welches konträr zur Kälte der Tauber mir einen heißen Schauer über den Rücken laufen ließ. Hinter mir Freunde die auf den moosbewachsenen Trassen des Flusses im Sonnenlicht tanzten, vor mir mein sich rasend schnell veränderndes Leben, dass immer wieder als festen Anker als wahren Ausdruck von Freundschaft mir solche Festivalerlebnisse in den Weg schmeißt. Irgendwann, wird sich das ändern. Aber ich hoffe, dass dieser Tag nie kommt. Musikalisch gab es dann vor allem enttäuschende Broilers, einen mit der Zeit und vor allem bühnenerfahrenen gewachsenen Casper und frische Subways mit der richtigen Melodie, um die Füße weiterhin in der Tauber zu lassen.


Sonntag. Was hilft gegen Kater, wenn man an dem Tag fahren muss? Bier. Definitiv. Aber nur eins, vielleicht zwei, und dann dieselbe Menge Aspirin und vor allem Wasser. Ohne Alkohol kann man auch Spaß haben, obgleich alle Freunde weiterhin betrunken sind. Der Zweck heiligt die Mittel. Etwas Wehmut liegt dann doch in der Luft, als im Taubertal die letzten Bands sich zwischen den dicht bewachsenen, grünen Baumhängen die Ehre geben. Enter Shikari bringt den Freak-out. Ska-P die Stimmung. Irgendwann setzt dann leichter Regen ein. Augustines betreten die Bühne und bringen mich zum erliegen. Eine unverwechselbare, unnachahmliche Live Performance. Die Band ist gleichzeitig wütend, verzweifelt, gefühlvoll und charismatisch, zu viel haben Sie in der jüngeren Vergangenheit vor allem an Schicksalsschlägen durchmachen müssen.




Festivals sind eine Parallelwelt. 

Wie sagte einst Schopenhauer, zwar sei es wichtig, Teil einer Gesellschaft zu sein, diese aber stets vom Rande zu betrachten, um eine gewisse Distanz halten zur ganzen Lächerlichkeit haben zu können und sich sein eigenen Bild machen. Zum Schluss fliegt ein Schuh auf die Bühne. Ein Stift wurde an dem Schnürsenkel befestigt, sowie ein Zettel mit der Aufschrift „please sign“. Fucking smart germans, fügt Billy McCarty, Sänger der Augustines an und verlässt grinsend die Bühne. All die Leidenschaft muss auch bei den klügsten Köpfen irgendwann mal heraus. Und dass tun wir fucking germans, jedenfalls immer für eine kurze Zeit, zumindest auf Festivals. Leidenschaft, Freundschaft und Gesellschaft - die treibende Kräfte in dieser Parallelwelt. Das Taubertal schafft anders als manches Festivals hierzu noch einen familiären, gemütlichen Rahmen zu schaffen. Ein guter Zeitpunkt um zu gehen, denke ich mir nachdem der Schuh geflogen und die Augustines von der Bühne sind. Wehmütig und meinen Gedanken nachhängend stapfe ich den Berg hoch. Erst jetzt setzt das lange angekündigte Gewitter ein.




1 Kommentar:

  1. Ich war so frei deinen Rückblick im Tauberplanscher-Forum zu posten:
    http://www.taubertal-festival.com/phpbb3/viewtopic.php?f=91&t=5684&p=133555#p133555

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