Dienstag, 1. Oktober 2013

Casper & Harry G über das Hinterland & die Wiesn.

(mb) Wenns Wasser kocht, miassn de Gnedl nei. Man sagt, ein guter Mann trinkt nicht. Sagt Casper. Auf der jährlichen Wiesn, für die Preißn: Oktoberfest, kommt man als Einheimischer nur schwer vorbei. Es sei denn, man steigt über die Berge kotzenden Australier, die den Wegesrand säumen. Ein Spießrutenlauf, welcher aus der Vogelperspektive betrachtet, schon lange nicht mehr allzu viel mit Folklore und Brauchtum zu tun hat. Die wahre Utopie besteht darin, für sich auf der Festwiese zu bleiben. Es findet sich immer a Australier, der einen fragt "how´s it going", jemand für küchenpsychologische Gespräche beim Legebatterie Brunzen und als Stütze, wenn man wieder über den Tisch der Blondinen in den Ausschnitt speibt.  Manchmal läuft einem auch a Preiß einfach so mit seinem Schädl in den Maßkrug nei, ach Gottchen die sind aber auch immer so unachtsam.
juice.de

Harry G stilisiert momentan den alljährlichen Wiesnfasching vortrefflich und wenn man nicht gerade seinen Schimpftiraden lauscht, Humtata Beats oder schief gesungene "Hey Baby"-Hooks in den Ohren hat – dann eben das neue Casper Album – auch mit schief gesungen Hooks. Dieser ist mit seiner Dohlenstimme definitiv gesanglich limitiert, gleicht aber seine Tiefen mit den Höhen der rhetorischen Ausdruckskraft aus, denn "man gibt uns gut zu verstehen: Die leeren Gläser der Theken sind beste Lupen aufs Leben." Oder bringt es vortrefflich auf den Punkt, indem er die größte Angst eines in westlichen Gefilden ansässigen Mittelklassehipsters mit Hornbrille und MacBook bennent: die Mittelmäßigkeit.


Das neue Album ist poppiger, fröhlicher, folkiger. Der junge Herr aus Bielefeld hat mit „Hinterland“ aber vor allem eines geschaffen: ein Facettenreichtum, das seines gleichen in der Hip-Hop-Kultur finden muss. Oder kann man da überhaupt noch von Hip Hop sprechen? So viel Abwechslung verschlägt einem direkt die Sprache wie sonst nur nach fünf Maß Bier oder Australier nach zwei. „Jambalaya“ haut richtig derbe in die Bassspur alá „ich hab die dickste Hose an“ –  während „Ariel“ verblüffend ehrlich um die Ecke kommt  und „20qm“ die Magengegend einschnürt, so poetisch zutreffend ist das Stück. „Ganz schön okay“ ist eine wahre Liebeserklärung an das Aufrechterhalten und Zusammentreffen alter Freundschaften. Mit Bier. Wie Wiesn, Oida. 

Und jetzt auf die Wiesn. Australier fliegen nackert über die Bänke, alte Freunde liegen sich in den Armen. Die Münchner Schickeria zieht weiter ins 1er. Bevor ich sehe, wie sich die Lackaffen mit Nepukadnezar Flaschen für 2.1k vor meiner Nase zuprosten, die alle ein neckisches Halstuch umhaben, hau ich lieber Richtung Bahnhof ab und warte auf den Zug ins bayrische Hinterland. Geliebtes, verdammtes Hinterland. Am Heimatbahnhof angekommen sagen sich Hund & Katz noch gute Nacht, die Zeit vergeht anscheinend nicht. „Wir kommen mit dem allerletzten (Zug). Schnick schnack Schnuck, wer zur Tankstelle muss“. Die Dudes sind auch alle am Start. Ganz schön okay. Man sagt ein guter Mann trinkt nicht. Stimmt nicht. Wenigstens mit einer Sache hat Casper unrecht.

Mehr als nur ganz schön ok. Casper - Hinterland Album: 9/10 

Highlights: alles bis auf „Alles endet (aber nie die Musik)“ und „Nach der Demo gings bergab“


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