Freitag, 2. März 2012

Zum falschen Zeitpunkt.

(mb) Das Haus der Müller´s ist neben meinem Elternhaus. In unserer Nebenstraße geht es ruhig zu, wenig Verkehr, etwas abschüssig. Die beiden Haustüren blicken zueinander. Dazwischen ein 1,20 Meter hoher Maschendrahtzaun indem mittwochs immer das lokale Anzeigenblatt steckt. Man teilt unter Nachbarn. Frau Müller´s Tochter arbeitet dort, deswegen bekommt Sie es umsonst. Die Tochter und ihr älterer Bruder sind schon lange ausgezogen, Herr Müller starb vor 3 Jahren. Seitdem ist Frau Müller blaßer, die Haare dünner und die Erscheinung noch hagerer. Ich wohne seit 4 Jahren nicht mehr zuhause und besuche unregelmäßig meine Mama.
Wir sahen uns letzten Sommer. Emsig und flink bewegte sich Frau Müller durch ihren großen Garten, der direkt vor dem Haus Richtung Straße lag. Beeindruckend für 81 Jahre. Sie hakte gerade das Gemüsebeet, als Sie mich sah. Auf ein gegenseitiges "Servus" fügte ich die Frage hinzu, wie es ihr denn ginge. Frau Müller antwortete mir, dass es ja gehen müsse und das Gemüse prächtig gedeihe  diesen Sommer. Ob ich denn eine Gurke möchte, fragte sie mich. "Gerne", erwiderte ich und verzog mich ins Haus, um mir einen Gurkensalat zuzubereiten. Als ich in der Küche sitzend in meinem frischen Salat stocherte, beobachtete ich Sie. Sie ging die Hofeinfahrt auf und ab, goß hier eine Blume, schnitt da einen Strauch zurecht. Ich musste schmunzeln.
Anfang Herbst kam ich wieder. Wir trafen uns auf der Straße. Sie erkundigte sich nach mir und erzählte, dass das gesamte Holz für den Winter schon gehackt sei. Man wisse ja nie, wann es das erste Mal kalt werden würde. Unweigerlich erfuhr ich auch den Straßenklatsch. Sie sprach lebhaft, wirkte dennoch traurig. Kein Wunder, dachte ich mir, der Mann und die meisten Freunde schon tot. Und Kinder, die es gerade mal zu Weihnachten schaffen Sie zu besuchen.
Ich kam 6 Monate nicht heim und erst gegen Ende Februar wieder in meine Straße. Es schneite leicht an diesem Mittwoch. Ich saß in der Küche und trank Kaffee. Ich ging nach draußen und zog das Anzeigenblatt aus dem Zaun. Dort traf ich Frau Müller. Sie freute sich überschwänglich mich zu sehen und schnaubte mir kurzatmig entgegen, dass Sie froh sei, mich wieder in Sicherheit zu Wissen und dass dahoam einfach dahoam ist und es da sowieso am Schönsten ist. Sie war noch hagerer geworden und sah sehr schwach aus. Noch dazu die Einsamkeit des großen Hauses, dass kaum Besuch Willkommen heißen kann. Außer dem Straßensmalltalk gab es nicht viel Möglichkeiten eines Gesprächs für Frau Müller. Ich bot ihr an, in ihrem Haus gerne die ein oder andere Anekdote aus der großen, fremden Welt zu erzählen. Sie zögerte und erwiderte, dass sie zwar furchtbar gerne meinen Geschichten lauschen würde, der Schnee sich aber nicht von alleine aus der Hofeinfahrt kehren würde und es immerhin schon 16 Uhr ist und danach das Abendessen zubereitet werden sollte. Ob dass den verständlich wäre für mich, da Sie gar so viel zu tun hat. Ich entgegnete, dass es kein Problem sei und wir gerne ein anderes Mal ein Gespräch darüber führen können. Gut, ein anderes Mal also.
6 Wochen später kam ich überraschend nach Hause. Die Straße war wie ausgestorben. Es war Mittwoch gegen 16 Uhr. Das Anzeigenblatt steckte nicht im Zaun. Keiner war zu Hause. Auf dem Esstisch in der Küche lag die Lokalzeitung ausgebreitet. Als ich Sie zusammenfalten wollte, stach mir die aufgeschlagene Seite ins Auge. Frau Müller´s Beerdigung lief gerade.  



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