Sonntag, 11. Dezember 2011

Anna Ternheim – The Night Visitor

(SF) Aha, „The Night Visitor“ also! Was will uns Frau Ternheim denn mit dem Titel ihres mittlerweile vierten Albums sagen? Welche nächtlichen Besucher meint sie denn? Sich selber? Mal ganz abgesehen davon, dass die Schwedin durchaus eine attraktive Erscheinung ist, bei der man die Tür nicht grundsätzlich geschlossen hielte, wenn sie denn klopfen würde, so ist ihre Musik tatsächlich eher was für die ruhigen Stunden und lädt ein zu melancholischen Gefühlen und emotionalen Achterbahnfahrten. Ich persönlich höre sie ja am liebsten spät abends, wenn das Licht bereits erloschen ist und insofern passt der Titel wie die Faust aufs Auge.

Erstmals hat Anna Ternheim ein Album nicht im heimischen Skandinavien aufgenommen und produziert und das hört man mitunter sehr deutlich. Wo man noch auf ihrem überragenden Debütalbum „Somebody Outside“ (2004) die Düsterheit der schwedischen Winter förmlich greifen kann, trifft man nun auf fast schon country-eske Elemente, die beim ersten und zweiten Hören sehr befremdlich auf mich wirkten. Tennessee färbt halt ab!

Fast hatte ich mein eher negatives Urteil über „The Night Visitor“ schon gefällt, als mich das Album dann doch noch gepackt hat – wahrscheinlich gerade eben deswegen, weil es nicht so ist, wie die Vorgänger. Es wäre sicher ein Leichtes gewesen, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen und das bisher (zumindest in Schweden) so erfolgreiche Konzept fortzusetzen. Anna Ternheim aber hat Mut bewiesen und sich geöffnet – sowohl den fremden Einflüssen als auch dem Hörer, der sich wirklich die Mühe machen sollte, auch auf die Texte zu achten.

Ternheim wäre nicht Ternheim, wenn der Grundton der Lieder insgesamt nicht melancholisch und nachdenklich wäre, doch die neue Verpackung lässt die Aussagen insgesamt optimistischer wirken. Die insgesamt 12 Tracks der Regular Edition ergeben ein äußerst stimmiges Bild ohne einen einzigen Tief-, aber mit zwei absolut herausragenden Höhepunkten: zum einen das bittersüße Duett „The Longer The Waiting (The Sweeter The Kiss)“ mit dem ehemaligen Tontechniker von Johnny Cash, Dave Ferguson, und zum anderen mein Favorit „Black Light Shines“, der alle Stärken der Schwedin vereint.

Ich habe mir auch dieses Mal wieder die Special Edition aus Schweden bestellt, die hierzulande leider noch nicht erhältlich ist und die Investition hat sich gelohnt. Zwar gibt es diesmal keine Akustik-Bonus-CD wie bei den ersten beiden Alben und auch keine Cover-Versionen wie beim Vorgänger „Leaving On A Mayday“, doch auch die Live-Versionen einiger Songs vom aktuellen Album, die auf der Terrasse von Dave Ferguson in Nashville eingespielt wurden, können überzeugen und verdeutlichen, dass Anna Ternheim sich bei den Aufnahmen mit einem Haufen großartiger Musiker umgeben hat, die „The Night Visitor“ zu einem besonderen Album gemacht haben. Eine Bonus-DVD der Porch-Session rundet das Paket ab und macht Lust auf mehr.

Im Frühling 2012 kommt Anna Ternheim nach Deutschland. Tourdaten:
11.02. Köln-Nippes, KulturKirche; 12.02. Hamburg, Kampnagel; 15.02 Berlin, Babylon; 17.02. München, Muffathalle; 19.02. Frankfurt am Main, Union Halle; 21.02. Freiburg, Jazzhaus.




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